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	<title>Leonard Schulz, Autor bei Crisp Magazin</title>
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	<description>Junges, kritisches Kunstmagazin – herausgegeben von ato</description>
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	<title>Leonard Schulz, Autor bei Crisp Magazin</title>
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		<title>Guilty Pleasure? Jovana Reisinger genießt ohne Schuldgefühle</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Leonard Schulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Dec 2025 10:15:08 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Münchener Popkultur-Autorin erschafft eine Welt zwischen Prada-Taschen, Tussigkeit, Hochkultur und Freibadpommes. Kann man von ihr etwas über linke Politik lernen?<br />
Lesezeit: 6 Minuten</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ato.vision/magazine/guilty-pleasure-jovana-reisinger-geniesst-ohne-schuldgefuehle/">Guilty Pleasure? Jovana Reisinger genießt ohne Schuldgefühle</a> erschien zuerst auf <a href="https://ato.vision/magazine">Crisp Magazin</a>.</p>
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									<p>Mittagessen im Berliner Szene-Lokal Pinci. Ich treffe Jovana Reisinger, die mit ihrem Buch <i>Pleasure</i> und der Schaubühnen-Inszenierung ihres vorherigen Werks <i>Enjoy Schatz</i> die Feuilletons in Atem hielt – und als „It-Girl“ (Berliner Zeitung) die Timelines ihrer Follower*innen bespielt. Heute sprechen wir über Klassismus. Reisinger trägt ein flauschiges, hellbeiges Kostüm und eine übergroße Intellektuellen-Brille. Oft wird sie zu ihrer Hyperfemininität befragt, doch das Thema Klasse scheint mir ebenso wichtig. </p>
<p>Zum Gespräch gibt es Blutorangensalat mit hauchdünnen Pecorino-Scheiben, Kapern, Basilikum und Focaccia mit Stracciatella und Mortadella. Ich frage mich: Passt Genuss zu Klassendiskussionen? Ist es nicht scheinheilig, bei solchen Speisen über soziale Ungleichheit zu reden? Doch dann ertappe ich mich: Warum eigentlich nicht? Reisingers Buch <i>Pleasure</i> dreht sich genau darum – Genuss gehört allen, nicht nur den Reichen. </p>
<p>Reisinger wuchs in einem Gasthof in Oberösterreich auf, in „super prekären“ Verhältnissen. Sie studierte an der Münchener Filmhochschule, finanzierte sich anfangs mit Jobs im Einzelhandel und Kundenservice. Der Weg, von ihrer Kunst zu leben, war lang: „Am Anfang war der Druck crazy, weil man ja eigentlich gar nicht weiß, was man macht.“  </p>
<p>Erste Erfolge kamen mit Theaterstücken und ihrem Debütroman <i>Spitzenreiterinnen</i>. Doch es dauerte, bis sie sich selbst finanzieren konnte. Mit 30 wusste sie nicht, wie sie Miete und Krankenkasse zahlen sollte. Erst mit dem Erfolg von <i>Pleasure</i> änderte sich das. Stolz auf sich zu sein, fällt ihr trotzdem schwer. </p>
<p>„Lange habe ich verheimlicht, dass ich aus einer armen Familie komme“, sagt sie. Doch irgendwann musste sie es aufschreiben: „Der Klassenwechsel war zu perfide. Es ist so gestört, was da passiert.“ Klassismus, erklärt sie, zeige sich nicht nur in Armut, sondern auch im Unbehagen der Aufgestiegenen, die die Codes für „Ernsthaftigkeit“, „geschmackvoll“ oder „wertvoll“ nicht kennen.</p>
<p> </p>								</div>
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									<p>Jovana Reisinger Foto © Elena Kasnatschejew</p>								</div>
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									<p> </p>
<p>In den Kurzessays in <span style="color: #000000;"><a style="color: #000000;" href="https://www.ullstein.de/werke/pleasure/hardcover/9783988160140"><i>Pleasure</i> </a></span>bricht sie die Regeln des Bildungsbürgertums. Genuss, Schönheit, Sexualität, Mode und Ästhetik erhebt sie zu politischen Kategorien. Ihre Kritik an den Klassismusdebatten: Vergnügen hat keine Priorität – zumindest nicht für „die da unten“. Warum gelten Freibadpommes eigentlich als weniger edel als Austern?</p>
<p>Kritik an ihrem Ansatz hört sie oft. Auf Lesungen fragen entsetzte Besucher*innen: „Das können Sie nicht ernst meinen, dass die wichtigsten Fragen sind, was Sie gegessen, getragen und wie Sie geschlafen haben?“ Doch genau darum gehe es ihr. „Die wollen immer bloß wissen, wie es war, ohne fließend Wasser und Strom aufzuwachsen“, sagt die 35-Jährige. „Meine Beschäftigung mit den schönen Dingen wird als oberflächlich und vulgär abgetan.“</p>
<p>Auf Instagram inszeniert Reisinger sich hyperfeminin – mit Handtaschen voller Strasssteinchen, Stilettos und viel rosa. Ihre Inszenierung eckt an – nicht ganz unbewusst, aber mit der notwendigen Portion Humor. Das ständige Selbstinszenieren der Schriftstellerin und Filmemacherin erinnert an Andy Kassier, der dasselbe Spiel vor einigen Jahren in der bildenden Kunst betrieb. Wie bei Kassier lässt sich Reisingers Selbstinszenierung weder von ihrem künstlerischen Schaffen noch von ihrer realen Persona trennen. Trifft man Reisinger, ist sie genauso, wie sie sich auf Instagram und in ihren Büchern gibt – immer <i>on brand</i>. </p>
<p>Das gilt auch für die von ihre angestrebte Auflösung von Hoch- und Subkultur, von Kunst und Unterhaltung. Nur weil etwas als „Trash“ gelte, dürfe man es nicht weniger ernst nehmen. Für gesellschaftliche Veränderung brauche es eine „Unterwanderung der Popkultur“.</p>
<p>Ein Paradebeispiel dafür ist der Schlüsselbegriff aus ihrem jüngsten Buch <span style="color: #000000;"><a style="color: #000000;" href="https://www.ullstein.de/werke/pleasure/hardcover/9783988160140"><i>Pleasure</i></a></span>, die „Fotzigkeit“. Mit der Rückaneignung des Schimpfworts widerspricht Reisinger den Erwartungen an eine brave, zurückhaltende Weiblichkeit. Ihre Femininität ist laut, übertrieben und kompromisslos. So weit, so typisch für den zeitgeistigen Feminismus. Doch sie unterwandert nicht nur angepasste Weiblichkeit, sondern auch das Gehabe der Oberschicht. </p>
<p>Reisinger will Barrieren abbauen, Zugänge schaffen – das scheint die treibende Kraft hinter ihrem Schaffen zu sein. Dafür geht sie auch dorthin, wo ihre Bubble nicht ist. Ihre vieldiskutierte Single-Kolumne platzierte sie ganz bewusst in der FAZ, obwohl sie durchaus Angebote aus ihrem „Kosmos“ hatte. Das Ergebnis: so viele Hassnachrichten, dass die Kommentarspalte geschlossen werden musste. Aber auch Männer, die sich wegen der Kolumne einen Therapieplatz suchten und so ihre Ehen retteten. </p>
<p>Teilhabe ermöglicht sie auch konkret, indem sie an Orte geht, die ihr und ihrer Clique früher verschlossen blieben. „Ich habe einen anderen Zugang zu Scham“, sagt sie. Wenn jemand sich nicht auf einen Empfang traut, weil er die Etikette nicht kennt, entgegnet sie: „Sowas ist mir doch wurscht.“ Sie beobachtet einfach, wie andere sich verhalten. „Es gibt zu wenige, die einem dabei helfen.“ </p>
<p>Die Codes der Hochkultur sind das eine, die Coolness auf Szene-Events das andere. „Die geilsten Fotzen bei diesen Events sind immer unsere Gruppe, und wir kommen alle nicht von Geld.“ Doch Coolness dürfe nicht gewollt wirken: „Coolness als Konstrukt muss man hinter sich lassen.“ Man müsse sich auch blamieren dürfen. „Wer keinen Hang zur Selbstironie hat: Ciao!“</p>
<p> </p>								</div>
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									<p>Foto © Elena Kasnatschejew</p>								</div>
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									<p> </p>
<p>Man könnte sagen, Reisinger verkörpert literarisch jenen Feminismus à la Ikkimel, der die politische Geste auf die symbolische Abgrenzung nach rechts reduziert – und aus dem Recht auf Genuss und Ambivalenz ein Versprechen macht. In dieser Haltung liegt womöglich nicht bloß politische Apathie, wie viele Kritiker*innen behaupten, sondern ein Reflex, der ebenso sehr aus Erschöpfung wie aus Emanzipation geboren ist. Zugleich folgt sie einer der vorherrschenden Diskursrhetoriken unserer Gegenwart: der Aneignung und Subversion, dem spielerischen Umdrehen bestehender Macht- und Bedeutungsordnungen, das Kritik und Komplizenschaft ununterscheidbar werden lässt. </p>
<p>Sprach man früher von der Gauche caviar, den Kaviar-Linken, die im Genuss keinen Widerspruch zu ihren sozialistischen Werten sahen, hat der spätkapitalistische Instagram-Zeitgeist die Grenzen zwischen Luxus und linker Moral zu einer Gegenwart verschwimmen lassen, in der sich politisches Bewusstsein zunehmend über Ästhetik ausdrückt.</p>
<p>Unser Treffen endet mit Affogato – Espresso auf Vanilleeis. Was kommt als Nächstes? Sie will sich nicht auf Literatur oder Film festlegen: „Dazu bin ich viel zu geil aufs Leben.“ Später werde ich feststellen, dass das Wort „geil“ 17 Mal in dem Transkript unseres Gesprächs auftaucht. Es passt zu ihr: Mehr ist mehr. Nicht aus Mangel, sondern aus Überfluss. Genuss ist für sie keine Nebensache, sondern Haltung, Kritik und Trotz.</p>								</div>
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		<p>Der Beitrag <a href="https://ato.vision/magazine/guilty-pleasure-jovana-reisinger-geniesst-ohne-schuldgefuehle/">Guilty Pleasure? Jovana Reisinger genießt ohne Schuldgefühle</a> erschien zuerst auf <a href="https://ato.vision/magazine">Crisp Magazin</a>.</p>
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		<item>
		<title>Kriegskunst</title>
		<link>https://ato.vision/magazine/kriegskunst/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Leonard Schulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 13 Mar 2025 11:26:26 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Seit 2009 wird in Kiew alle zwei Jahre der PinchukArtCentre Prize an ukrainische Künstler*innen unter 35 vergeben. 2025 zeigt das Kiewer PinchukArtCentre erneut die Werke der 20 Nominierten – trotz des andauernden Krieges. Hinter der Kunstförderung steht Wiktor Pintschuk, der als zweitreichster Mann des Landes gilt. Leonard Schulz fragt, wie unabhängig Kunst im Krieg sein kann.<br />
Lesezeit: 8 Minuten</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ato.vision/magazine/kriegskunst/">Kriegskunst</a> erschien zuerst auf <a href="https://ato.vision/magazine">Crisp Magazin</a>.</p>
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									<p>In einer Stadt, deren Alltag seit drei Jahren von Tod, Zerstörung und dem schneidenden Gekreische der Alarmsirenen geprägt ist, könnte man davon ausgehen, dass keine Kunstausstellungen stattfinden. Doch die Kiewer Kunstszene ist am Leben. Sie arrangiert sich mit dem Krieg: kleine Vernissagen finden in Privatwohnungen statt – man muss nur immer darauf achten, dass ein Luftschutzraum in der Nähe ist. Würden im Normalfall Kurator*innen an den letzten Tagen eines Ausstellungsaufbaus bis in die Morgenstunden arbeiten, müssen sie sich in Kiew an die Sperrzeiten halten, denn nachts kommen die russischen Drohnenangriffe. </p><p>Trotzdem hat das Kiewer PinchukArtCentre die Ausstellung <i>Pinchuk Art Prize </i>eröffnet. Bereits zum achten Mal zeigt die Ausstellung die Werke von zwanzig ukrainischen Künstler*innen unter 35 Jahren. Sie bilden die Shortlist für den zweijährlich stattfindenden PinchukArtCentre Prize, bei dem rund 15.000 Euro in vier Preisen vergeben werden. Er ist der kleine Bruder des ebenfalls vom PinchukArtCentre ausgerufenen, noch höher dotierten Future Generation Prize, der sich an Künstler*innen weltweit richtet.</p><p><b>„Der Krieg ist präsent, selbst wenn er unsichtbar ist“</b></p><p>Präsentiert werden Werke, die die Künstler*innen eigens für die Ausstellung angefertigt haben. Thematisch spielen die Auswirkungen des Krieges und die damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen die vielleicht wichtigste Rolle – immerhin stammen einige der 18- bis 35-jährigen Teilnehmer*innen aus dem Osten der Ukraine, wo schon seit elf Jahren Krieg herrscht. Sie kennen keine andere Realität als die des Krieges. „In jeder Arbeit lässt sich ein Aspekt des Krieges spüren, selbst wenn er unsichtbar ist. Er ist präsent in allem, was wir tun“, sagt Kuratorin Oleksandra Pogrebnyak. Außer Konkurrenz ehrt der PinchukArtPrize dieses Jahr die junge Künstlerin Veronika Kozhushko, die sich beworben hatte, im vergangenen August aber bei einem Raketenangriff auf Kharkiv ums Leben kam.</p><p> </p>								</div>
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									<p style="text-align: center;">Installation zu Ehren der Bewerberin Veronika Kozhushko, die im August bei einem Raketenangriff ums Leben kam <br />© Foto: Ela Bialkowska OKNO studio</p>								</div>
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									<p>Die Arbeiten umfassen ein breites Spektrum an Medien, von Malerei und Skulptur bis hin zu Videoinstallationen und performativen Ansätzen. Das Kollektiv Variable name, bestehend aus Marynka Marinichenko und Valerie Karpan, verfolgt einen Ansatz künstlerischer Forschung. In partizipativen Workshops befragen sie lokale Communities, wie es sich anfühlt, vom Krieg zerstörte Landschaften zu vermissen. Die Teilnehmenden werden angehalten, ihre körperlichen Erinnerungen an Landschaften in Ton zu formen. Kleine, unscheinbare Figuren, die an verlorene Häuser, Felder oder Wälder erinnern. Abdrücke von Händen, die die Konturen von Bergen oder Flüssen nachzeichnen. Die Installationen, die aus diesen Workshops hervorgehen, sind keine monumentalen Kunstwerke, sondern vielmehr intime Zeugnisse. Es ist ein Akt der Erinnerung, ein Versuch, die Spuren des Verlorenen festzuhalten.<br /><br /></p>								</div>
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									<p style="text-align: center;">Variable name, <i>Proximity of Touch</i>, 2025: Erinnerungen an im Krieg Verlorenes © Foto: Ela Bialkowska OKNO studio</p>								</div>
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									<p><b>Zusammen stark, alleine zerbrechlich</b></p><p>Ebenfalls aus Ton ist der Beitrag von Vasyl Dmytryk. Die 850 Figuren sind zwischen 10 und 12 Zentimeter groß und stehen stramm aneinandergereiht wie ein Infanterie-Bataillon. Die unterschiedlichen Posen der kleinen Soldaten – manche sitzen, manche stehen – zeigen die Unterschiede der Einzelnen, gleichzeitig aber auch die prototypischen Positionen derjenigen, die sich an der Front befinden. Als Gruppe wirken sie eindrucksvoll, obwohl eine einzelne Tonfigur leicht zerbrechlich ist. „Es geht um die Fragilität: Dmytryks Arbeit verdeutlicht, wie stark und mutig jene sind, die die Ukraine verteidigen, aber gleichzeitig eben auch fragil“, sagt Kuratorin Pogrebnyak. Ein Appell an die Gemeinschaft. Die Tatsache, dass in dem Werk sowohl Männer als auch Frauen als Soldat*innen dargestellt werden, lässt sich womöglich als Kommentar des Künstlers auf die Wehrpflicht der Ukraine verstehen, die nur für Männer gilt.</p><p>Der Wehrpflicht widmet sich auch die Malerin Krystyna Melnyk, die bereits zum zweiten Mal am PinchukArtCentre Prize teilnimmt. Ihr Triptychon besteht aus einem kleinen Gemälde einer männlichen Brust, das von zwei großen abstrakten Bildern flankiert wird, die den Schrecken des Krieges darstellen. Sieht man Männer auf der Straße, weiß man nicht, welche schrecklichen Erfahrungen sie vielleicht mit sich tragen. Unter ukrainischen Müttern sorgt das für Angst: Noch steht der Sohn unter dem Schutz der Mutter, aber in nur wenigen Jahren könnte sein Körper von der Regierung beansprucht werden.<br /><br /></p>								</div>
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									<p style="text-align: center;">Vasil Dmytryk, <i>Patrix</i>, 2025 © Foto: Ela Bialkowska OKNO studio</p>								</div>
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									<p><b>Die komplexe Rolle des Oligarchen</b></p><p>Das PinchukArtCentre, das die Ausstellung organisiert, spielt eine wichtige Rolle in der ukrainischen Kunstszene. Es unterstützt ukrainische Künstler*innen, fördert den internationalen Austausch und die kulturelle Identität des Landes. Dahinter steht der ukrainische Oligarch Wiktor Pintschuk, der das Museum gegründet und den Preis ins Leben gerufen hat. Sein Vermögen geht auf die Herstellung günstiger Rohre für Pipelines zurück, mittlerweile besitzt er auch mehrere Medien. Von 1998 bis 2006 gehörte Pintschuk dem ukrainischen Parlament an, seit seinem Rückzug aus der Politik setzt sich der Milliardär für einen Beitritt der Ukraine in die EU ein. Privat soll er mit Steven Spielberg und den Obamas befreundet sein, die Anti-Aids-Stiftung seiner Frau Olena – Tochter des ehemaligen ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma – rief zu einem riesigen Konzert Elton Johns auf dem Kiewer Maidan ein: Pintschuk gilt als Aushängeschild eines pro-westlichen Oligarchen. </p><p>In Kiewer Kreisen wird sein Engagement in der Kunstförderung zwar einerseits als Ausdruck eines echten Interesses an Kunst gesehen – in der Ukraine gibt es keinen vollausgebildeten Kunstmarkt, Institutionen wie das PinchukArtCentre sind daher für die Kunstszene vor Ort immens wichtig – andere vermuten hinter dem Engagement des zweitreichsten Mannes des Landes jedoch ein Mittel zur Imagepflege und dem Vorantreiben einer westlich orientierten Ukraine. Der Oligarch sponserte die ukrainischen Pavillons der letzten beiden Biennalen in Venedig, bei der Münchner Sicherheitskonferenz und dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos organisiert er seit dem Beginn des Krieges Ausstellungen, mit denen auch um die finanzielle Unterstützung des ukrainischen Militärs geworben wird. 2022 wurden in Davos russische Kriegsverbrechen im ehemaligen russischen Haus präsentiert – umbenannt in „Russian War Crimes House“. </p><p>Zuletzt zeigte Pintschuk dort Damien Hirsts Installation <i>The History of Pain</i>, bei der ein den Planeten Erde darstellender Luftballon schwebend über einem Meer von Messerklingen tänzelt, nur ein unsichtbarer Luftstrom bewahrt ihn vor der Katastrophe. Daneben war eine Videoarbeit zu sehen, in der verwundete ukrainische Soldaten bei ihrer Ankunft im Kiewer Bahnhof dokumentiert werden. Ist in Hirsts Installation das Böse noch eine abstrakte Gefahr, die zwar unausweichlich scheint, aber nicht eintritt, macht die Dokumentation des ukrainischen Kriegsalltages klar: Das Böse ist längst eingetreten. Aus politisch-kommunikativer Sicht ein cleverer Schachzug, mit Kunst-Superstar Hirst daran zu erinnern, dass es einmal eine Zeit gab, in der das Grauen weit weg schien. </p><p>Doch wie unabhängig ist Kunst, wenn sie instrumentalisiert wird, selbst wenn das Ziel ein hehres ist? Wie widerständig kann sie sein, wenn sie zum Zwecke des Widerstands erst produziert wird? Welche – vielleicht viel kritischeren – Stimmen sind auf den Vernissagen der autonomen Kunstszene in Kiewer Privatapartments zu hören? Genau wissen wir das nicht. Vielleicht sind es auch die falschen Fragen. Vermutlich lassen sich im Ausnahmezustand des Krieges die Dinge nicht einfach voneinander trennen. Womöglich ist die saubere Trennung von Institution und Kritik ein Privileg des Friedens und einer Kunstszene, der mehr Möglichkeiten offenstehen. Der Krieg dringt in alle Ritzen und Poren der Gegenwart, auch in die der Kunst. </p><p>Die Eröffnung der Ausstellung fand am 28. Februar statt – genau dem Tag, an dem sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj im Weißen Haus von Donald Trump und J.D. Vance in präzedenzlosen Szenen beschimpfen und erniedrigen lassen musste. Oleksandra Pogrebnyak meint, dass durch die neue Feindlichkeit Trumps gegenüber der Ukraine das Land ein neues Gemeinschaftsgefühl erfährt. Dass eine solche Ausstellung stattfindet, ein Preis vergeben wird, Kunst produziert wird, in der sich der Krieg so sichtbar zeigt, wo er – zumindest für Außenstehende – doch schon beinahe zur Alltäglichkeit geworden ist, vergegenwärtigt die Notwendigkeit von Kunst für das Gemeinschaftsgefühl der Ukraine, die sich trotz allem Schrecken eine gewisse Form von Optimismus und Unbeugsamkeit beizubehalten vermag.</p>								</div>
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		<p>Der Beitrag <a href="https://ato.vision/magazine/kriegskunst/">Kriegskunst</a> erschien zuerst auf <a href="https://ato.vision/magazine">Crisp Magazin</a>.</p>
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		<title>Wrestling 1:0 Gentrifizierung</title>
		<link>https://ato.vision/magazine/wrestling/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Leonard Schulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 10 May 2024 14:10:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Alle Beiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Alle gegen Alle]]></category>
		<category><![CDATA[Berlin]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Let’s get ready to rumble, schönes, neues Berlin! Unser Autor war bei der Show Alle gegen Alle – und hat eine Bilderstrecke voller Kunstblut und Schweiß von den Fotografinnen Marlena Friesel und Lisa Bär mitgebracht.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ato.vision/magazine/wrestling/">Wrestling 1:0 Gentrifizierung</a> erschien zuerst auf <a href="https://ato.vision/magazine">Crisp Magazin</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[		<div data-elementor-type="wp-post" data-elementor-id="8806" class="elementor elementor-8806" data-elementor-post-type="post">
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									<p><span style="font-weight: 400;">So eine Schlange hat Steglitz lange nicht gesehen: Anfang April tummelte sich vor dem Schloss-Straßen-Center ein Party-Publikum, das im bürgerlichen Südwesten der Stadt sonst rar ist. Das Rave-Kollektiv </span><i><span style="font-weight: 400;">Spatial Tactics</span></i><span style="font-weight: 400;">, die Producerin und Kuratorin Nihal Ünsal und Schauspieler Samuel Schneider hatten in die erste Berliner Primark-Filiale eingeladen, die 2023 geschlossen und zu einem Kulturzentrum umfungiert wurde. Techno-Rave in einer alten Mall? Klingt gut, wäre aber in Berlin nichts Neues. Was dort stattfand, war viel überraschender und unterhaltsamer: eine Wrestling-Show, die den Titel <em>Alle gegen Alle</em> trug.<br /><br /></span><span style="font-weight: 400;">Beim Wrestling geht es bekanntlich nur oberflächlich um den sportlichen Wettkampf. In Wahrheit stehen die fiktiven Charaktere, Kostüme und Show im Vordergrund. In der Steglitzer Arena kämpfte eine Biene gegen eine Blume, die sich vor der Bestäubung durch die Biene wehren wollte. Weitere Fights waren ein Zen-Meister gegen Ninja-Turtles, ein Schwein gegen einen Metzger. Dann gab es einen Käse namens „Young Gouda“, dessen Endgegner hieß „Gentrification“. Dieser wurde von einer Poledancerin verkörpert, weil Poledancing mittlerweile Yoga als hippen Szenesport abgesetzt hat. Dass so viel Storytelling mit Wrestling möglich ist, ließ einige Gäst*innen erstaunen. Wenn man so will, ist es das zugängliche Theater, weil es nicht verkopft, sondern voller nackter Haut, Kunstblut und Schweiß ist. </span></p>								</div>
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		<title>Die Anwältin der Kunst</title>
		<link>https://ato.vision/magazine/die-anwaeltin-der-kunst/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Leonard Schulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 18 Jan 2023 10:04:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Alle Beiträge]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Dass Klimaaktivist*innen in den letzten Wochen Gemälde attackierten, spaltete die Kunstwelt. Felicitas Klein ist Restauratorin, unter anderem betreute sie den im Potsdamer Museum Barberini mit Kartoffelbrei beworfenen Monet. Sie findet: Ja zum Klimaschutz, aber nicht auf Kosten der Kunst. Wenn die Klimakatastrophe vor der Tür steht, was bringen uns dann noch Gemälde in Museen? Ein Gespräch mit einer, die an die Kraft der Kunst glaubt.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ato.vision/magazine/die-anwaeltin-der-kunst/">Die Anwältin der Kunst</a> erschien zuerst auf <a href="https://ato.vision/magazine">Crisp Magazin</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[		<div data-elementor-type="wp-post" data-elementor-id="5085" class="elementor elementor-5085" data-elementor-post-type="post">
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									<p><b><em>Crisp: </em><i>Was sind das für Menschen, die Restaurator*innen sind?</i></b></p><p><span style="font-weight: 400;">Felicitas Klein: Es sind tatsächlich große Idealisten, die das machen. Viel Geld macht kaum jemand damit, aber man kann davon leben. Unser Beruf hat sich im Laufe der Zeit stark verändert: vom künstlerischen Kunstmaler bis zum wissenschaftlich arbeitenden Restaurator oder Restauratorin, wie wir sie heute kennen. Ich sag jetzt immer Restaurator, aber ich meine natürlich auch uns Frauen. Zumal es hauptsächlich Frauen sind, die diesen Beruf ausüben.</span></p><p><i><b>Wie kommt es, dass es hauptsächlich Restauratorinnen gibt?</b></i></p><p><span style="font-weight: 400;">Ich kenne auch viele Männer, die den Beruf ausüben, aber in der Ausbildung sind es fast nur Frauen. Das hat, glaube ich, damit zu tun, dass dieses Bild des versunkenen, kleinteiligen Arbeitens noch immer mit Handarbeit, einer Frauendomäne, verbunden wird. </span></p><p><strong><i>Was hat dich dazu bewegt, Restauratorin zu werden?</i></strong></p><p><span style="font-weight: 400;">Ich wollte in erster Linie nah an der Kunst sein. Ich habe es immer als großes Privileg gesehen, sehr viel Zeit mit den Kunstwerken zu verbringen. Auch wenn das hier </span><i><span style="font-weight: 400;">(deutet auf ein Ölgemälde auf dem Tisch)</span></i><span style="font-weight: 400;"> überhaupt nicht meine Lieblingsbilder sind, je länger ich sie bei meiner Arbeit untersuche, desto mehr empfinde ich die Daseinsberechtigung der Kunstwerke. Ich setze mich mit dem Künstler auseinander, mit der Wahl seiner Materialien, mit seiner Zeitepoche, dem Entstehungs- und Lagerort. </span><span style="font-weight: 400;">Es ist ein großer Wunsch von mir, unser kulturelles Erbe zu erhalten. Auch bei meiner Arbeit für wichtige Museen, dem Barberini oder dem Brücke-Museum, steht das im Vordergrund.</span><span style="font-weight: 400;"> Es sind oft jene Werke, mit denen wir uns alle unterbewusst stark identifizieren.</span></p><p><strong><i>Hat dir die Attacke auf den Monet im Museum Barberini, den du ja betreust, weh getan?</i></strong></p><p><span style="font-weight: 400;">Ja, absolut. Natürlich hätte es mir auch wehgetan, wenn das Bild aufgrund von Materialversagen von der Wand gefallen wäre. Aber mir hat es besonders weh getan, dass es diese jungen Menschen waren. </span></p><p><strong><i>Hast du mit den Aktivist*innen im Nachhinein gesprochen?</i></strong></p><p><span style="font-weight: 400;">Sie waren gerade abgeführt worden, als ich ankam. Aber auf dem Weg dahin, als ich von der Bahn zum Museum gejoggt bin, habe ich im Kopf einen Dialog mit ihnen geführt. Ich wollte ihnen sagen, dass sie ohne Kunst ihrem Ziel nicht näherkommen werden. </span></p>								</div>
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										<img loading="lazy" decoding="async" width="984" height="694" src="https://ato.vision/magazine/wp-content/uploads/2023/01/Claude_Monet_Haystack_Morning_Snow_Effect_Meule_Effet_de_Neige_le_Matin_1891_oil_on_canvas_65_x_92_cm_Museum_of_Fine_Arts_Boston.jpeg" class="attachment-full size-full wp-image-5160" alt="Claude Monet Meule" srcset="https://ato.vision/magazine/wp-content/uploads/2023/01/Claude_Monet_Haystack_Morning_Snow_Effect_Meule_Effet_de_Neige_le_Matin_1891_oil_on_canvas_65_x_92_cm_Museum_of_Fine_Arts_Boston.jpeg 984w, https://ato.vision/magazine/wp-content/uploads/2023/01/Claude_Monet_Haystack_Morning_Snow_Effect_Meule_Effet_de_Neige_le_Matin_1891_oil_on_canvas_65_x_92_cm_Museum_of_Fine_Arts_Boston-300x212.jpeg 300w, https://ato.vision/magazine/wp-content/uploads/2023/01/Claude_Monet_Haystack_Morning_Snow_Effect_Meule_Effet_de_Neige_le_Matin_1891_oil_on_canvas_65_x_92_cm_Museum_of_Fine_Arts_Boston-768x542.jpeg 768w" sizes="(max-width: 984px) 100vw, 984px" />											<figcaption class="widget-image-caption wp-caption-text">Eine von Claude Monets (1840-1926) Malereien aus der Serie „Les Meules“, wovon eine andere kürzlich mit Kartoffelbrei beschmiert wurde. Der Maler zählt zu den wichtigsten Künstlern des französischen Impressionismus. Bildquelle: (http://www.ibiblio.org/wm/paint/auth/monet/haystacks/matin.jpg)</figcaption>
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									<p><strong><i>Was macht Kunst aus deiner Perspektive so wichtig für unsere Gesellschaft?</i></strong></p><p><span style="font-weight: 400;">Ich bin der tiefen Überzeugung, dass Kunst einen starken Identifikationsfaktor hat. Dabei bin ich nicht weltfremd: Natürlich kommen viele Menschen niemals auf die Idee, in eine Ausstellung oder in ein Museum zu gehen. Meiner Meinung nach ist Kunst als Möglichkeit des Ausdrucks jedoch durch nichts zu ersetzen. Gerade in unserer technisierten Welt ist der künstlerische Ausdruck, der nicht zweckgebunden, sondern ausschließlich Ausdrucksform des Künstlers ist, ein hohes Gut.</span></p><p><strong><i>Wenn man es aus einer politischen Richtung her denkt, könnte man sagen, dass es ja viele Künstler*innen gibt, die lediglich &#8222;l&#8217;art pour l&#8217;art&#8220; ohne jeden gesellschaftlichen Anspruch betreiben. Das schwingt auch in der Debatte um die Attacken auf die Kunstwerke der Klimaaktivist*innen mit, die das ja bewusst inszenieren.</i></strong></p><p><span style="font-weight: 400;">Da muss ich klar sagen, dass die Aktivisten zwei Dinge in einen Topf werfen: Sie kritisieren, dass viel Geld für Kunst ausgegeben wird, welches man besser für das Klima benutzen könnte. Damit machen sie ein &#8222;Entweder-Oder&#8220; auf, obwohl sich das gar nicht trennen lässt. Du kannst das Klima nicht schützen und die Kunst untergehen lassen oder umgekehrt. In Hinblick auf die Medienwirksamkeit sind ihre Aktionen ein genialer Schachzug, aber inhaltlich hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Das bedauere ich sehr, weil ich davon ausgehe, dass diese jungen Leute eigentlich sehr klug sind. Aber man kann den Erhalt kulturellen Erbes nicht gegen den Klimaschutz ausspielen.</span></p><p><strong><i>Klimaschützer*innen würden möglicherweise argumentieren, dass das Klima wichtiger sei als der Erhalt des Kulturerbes. Nach dem Motto: Wenn es in dreißig Jahren zu heiß wird, um ein normales Leben zu führen und wir uns in einem Katastrophenzustand befinden, dann ist es heute nicht so wichtig, alte Gemälde zu konservieren. </i></strong></p><p><span style="font-weight: 400;">Ich würde niemals sagen, dass das eine wichtiger </span><span style="font-weight: 400;">als das andere sei. Beides ist dringend wichtig. Wir Menschen sind so komplex, dass wir auch die Kunst in unserer Gesellschaft brauchen. Unsere Gesellschaft verroht, wenn Kunst nicht mehr möglich sein kann. Ich möchte an dieser Stelle an die Höhlenmalereien der Höhle von Lascaux und anderen Höhlen auf der Welt erinnern. Die Höhlenbewohner haben mit den Malereien nicht etwa nur Szenen</span><span style="font-weight: 400;"> ihres Lebens dokumentiert, sondern ihre künstlerische Schaffenskraft ausgedrückt. Auch die Hochkulturen haben später abstrakt und künstlerisch gearbeitet. Das verbindet uns mit ihnen. Ich glaube, dass Kunst etwas ganz Verbindendes haben kann, auch in schwierigen Zeiten. Ich will nicht abtun, dass Kunst auch etwas Elitäres sein kann. Dies bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass Kunst nicht wichtig für uns ist. Sie ist eine Reflexion unseres menschlichen Daseins, die sonst nirgendwo geleistet wird. Das meiste, was wir erschaffen, ist zweckgerichtet und wird am Ende weggeworfen. Wenn man so will, befinden wir uns in einem dauerhaften Kreislauf von Produktion und Zerstörung. Dagegen ist Kunst als Ausdruck unseres menschlichen Wesens unverzichtbar. Es geht um mehr als nur das Klima zu retten. Es geht darum, uns als Gesellschaft zu retten. Das Klima ist so schlecht wegen uns, das ist nicht einfach so gekommen. Die Etats für die Kunst zur Klimarettung zu nutzen wäre keine Alternative.</span></p><figure id="attachment_5120" aria-describedby="caption-attachment-5120" style="width: 288px" class="wp-caption alignright"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-5120 size-medium" src="https://ato.vision/magazine/wp-content/uploads/2023/01/Felicitas_Klein_Restauratorin_Potsdam2-288x300.jpg" alt="Portrait der Restauratorin Felicitas Klein" width="288" height="300" srcset="https://ato.vision/magazine/wp-content/uploads/2023/01/Felicitas_Klein_Restauratorin_Potsdam2-288x300.jpg 288w, https://ato.vision/magazine/wp-content/uploads/2023/01/Felicitas_Klein_Restauratorin_Potsdam2-983x1024.jpg 983w, https://ato.vision/magazine/wp-content/uploads/2023/01/Felicitas_Klein_Restauratorin_Potsdam2-768x800.jpg 768w, https://ato.vision/magazine/wp-content/uploads/2023/01/Felicitas_Klein_Restauratorin_Potsdam2.jpg 1035w" sizes="(max-width: 288px) 100vw, 288px" /><figcaption id="caption-attachment-5120" class="wp-caption-text"><i>                          Felicitas Klein</i></figcaption></figure><p><strong><i>Die Kunst ist also eine der Sachen, die wir mit dem Klimaschutz retten wollen?</i></strong></p><p><span style="font-weight: 400;">Für mich ist das auf jeden Fall so, ja.</span></p><p><strong><i>Spürst du manchmal eine Verbindung zwischen dir und den Künstler:innen, mit deren Werken du arbeitest?</i></strong></p><p><span style="font-weight: 400;">Ja, schon. Wenn sie noch leben, frage ich sie auch die eine oder andere Sache. Bei diesem Bild zum Beispiel (</span><i><span style="font-weight: 400;">zeigt hinter sich auf ein modernes Gemälde) </span></i><span style="font-weight: 400;">hat mir der Künstler erzählt, wie seine Bilder Schicht für Schicht entstehen. Bei verstorbenen Künstlern ist das etwas anderes. Ich stelle mir vor, wie sie vor der weißen Leinwand standen und in kürzester Zeit mit ein paar Pinselstrichen ein Werk erschaffen haben. Ich spüre dann ihre Freiheit. </span></p><p><strong><i>Wie fühlt es sich an, wenn du ein Werk in einer Ausstellung hängen siehst, das du restauriert hast?</i></strong></p><p><span style="font-weight: 400;">Die Bilder sind teilweise 6 bis 12 Monate bei mir im Atelier. Wenn ich sie dann hängen sehe, ist es wie ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten. Wie, wenn man Schulfreunde wieder sieht und genau weiß, was Sache ist (</span><i><span style="font-weight: 400;">lacht).</span></i></p><p><strong><i>Hättest du mehr Empathie für die Aktion gehabt, wenn sie sich ein Kunstwerk in einer dieser stark kritisierten privaten Lagerhallen der steuerfreien Flughafenzonen (sog. Freeports) ausgesucht hätten?</i></strong></p><p><span style="font-weight: 400;">Es wäre mir egal gewesen. Ich fühle mich zu sehr als Anwältin der Kunst. Ich spreche für die Kunst, das sind meine Patienten oder Klienten. Es ist ein Skandal, dass es Menschen gibt, die wahnsinnig viel Geld haben und die Kunstwerke als Anlage sehen, die sie dann verschließen, um sie ein paar Jahre später als Anlage teurer zu verkaufen. Wenn der Kunstmarkt so in die Höhe gegangen ist, dass ein Monet für 110 Millionen verkauft worden ist, dann läuft natürlich etwas schief. In unserem gesamten profitgierigen kapitalistischen System läuft etwas schief. Aber das hat ja nichts per se mit dem Kunstwerk zu tun. Deswegen hat es keinen Sinn, die Kunst deswegen zu zerstören oder zu attackieren.</span></p><p><strong><i>Könnte die Kunst deiner Meinung nach mehr gegen den Klimawandel unternehmen?</i></strong></p><p><span style="font-weight: 400;">Aktuell ist die Kunst sehr politisch aufgeladen und versucht Gesellschaftskritik in jede Richtung, auch der Klimawandel wird thematisiert. Aktiv etwas gegen den Klimawandel tun kann die Kunst jedoch nicht. Es gibt unendlich viele Aktionen, bei denen Künstler Teile des Gewinns spenden… (</span><i><span style="font-weight: 400;">zögert</span></i><span style="font-weight: 400;">) Aber nein, viel mehr kann die Kunst nicht tun. Ich wünsche mir, dass die Aktivisten mehr gehört werden. Jetzt muss die Politik liefern.</span></p>								</div>
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