{"id":10083,"date":"2025-05-27T08:36:27","date_gmt":"2025-05-27T08:36:27","guid":{"rendered":"https:\/\/ato.vision\/magazine\/?p=10083"},"modified":"2025-05-27T08:37:45","modified_gmt":"2025-05-27T08:37:45","slug":"wie-gott-uns-erschaffen-hat-das-maerchen-der-vermeintlich-unsexistischen-nacktheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ato.vision\/magazine\/wie-gott-uns-erschaffen-hat-das-maerchen-der-vermeintlich-unsexistischen-nacktheit\/","title":{"rendered":"Wie Gott uns erschaffen hat \u2013 Das M\u00e4rchen der vermeintlich unsexistischen Nacktheit"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-post\" data-elementor-id=\"10083\" class=\"elementor elementor-10083\" data-elementor-post-type=\"post\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-2b38a35 e-flex e-con-boxed e-con e-parent\" data-id=\"2b38a35\" data-element_type=\"container\" data-e-type=\"container\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"e-con-inner\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-91bfa9d elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"91bfa9d\" data-element_type=\"widget\" data-e-type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<p>Breaking News: Die Venus Medici im Bundesamt f\u00fcr zentrale Dienste und offene Verm\u00f6gensfragen in Berlin wurde entfernt! Und die wilden Kerle mittleren Alters von <i>Welt<\/i>, <i>Bild<\/i> &amp; Co. zerrei\u00dfen sich schon die M\u00e4uler dar\u00fcber. Keine Sorge, ganz weg ist sie nicht: Nun ist unser Girl Venus im Grassi Museum in Leipzig zu sehen. Und wenn ihr genauso wie ich bis vor kurzem noch nicht wusstet, dass in den Hallen der Berliner Beh\u00f6rden \u00fcberhaupt eine Venus-Skulptur gestanden hat, dann ist sie immerhin ein klein wenig bekannter geworden. Wie sagt man so sch\u00f6n: Es gibt keine schlechte Publicity.\u00a0<\/p><p>Der Grund f\u00fcr die Entfernung der Bronzeskulptur war die Sorge einer Gleichstellungsbeauftragten: Diese argumentierte, dass die Arbeit als sexistisch wahrgenommen werden und es deswegen zu Beschwerden kommen k\u00f6nnte. Eine Vorsichtsma\u00dfnahme also. Gerne kann man an dieser Stelle \u00fcber die Implikationen von vorauseilendem Gehorsam diskutieren. Dass dieser Vorsto\u00df durchaus irritieren kann, mag ich nicht bezweifeln. Grassi Museumsdirektor Olaf Thormann freut sich und vermutet dennoch Cancel Culture. So teilte er der <i>Bildzeitung<\/i> seine kunsthistorische Perspektive auf die Kontroverse mit:\u00a0<\/p><p>\u201e<i>Den weiblichen Akt gibt es \u2013 genauso wie den m\u00e4nnlichen \u2013 seit Anbeginn in der Kunstgeschichte. Daraus Sexismus zu konstruieren, verfehlt die gesamte Kunstgeschichte und ich m\u00f6chte sagen, sogar den Blick auf etwas zutiefst Menschliches.<\/i>\u201c\u00b9<\/p><p>Solche \u00c4u\u00dferungen setzen einen ganz speziellen Geruch frei: Jenen penetranten, unverwechselbaren Odor von Bullshit. Es ist doch faszinierend, wie den alteingesessenen Kunsthistoriker-Bros unbegreiflich bleibt, dass kunsthistorische Wertsch\u00e4tzung und sexistisch-ideologische Ikonografien sich nicht gegenseitig ausschlie\u00dfen. Man h\u00e4lt an dem Glauben fest, dass die Kunstgeschichte durch und durch nur erstrebenswerte Ideale widerspiegle und mit Wahrheit, Sch\u00f6nheit und G\u00fcte das Gegenteil der vom S\u00fcndenfall getroffenen Welt sei. Ich will ja keine Spielverderberin sein, aber: Dem ist nicht so.\u00a0<\/p><p><b>Ein kunsthistorischer Striptease\u00a0<\/b><\/p><p>Olaf hat in einer Sache recht: Den weiblichen Akt gibt es wirklich seit Anbeginn der Kunstgeschichte. Die Venus von Willendorf gilt als eines der \u00e4ltesten Beispiele der Menschheitsgeschichte: Fast stolze 30 Tausend Jahre ist sie alt. Als Abbild einer Fruchtbarkeitsg\u00f6ttin feiert diese Figur den weiblichen K\u00f6rper auf eine Art, wie ihn die westliche Kunstgeschichte jahrhundertelang sanktionierte: volumin\u00f6s, mit K\u00f6rperfett und explizit mit Vulva. Mit der Christianisierung hatte Nacktheit schlie\u00dflich nichts mehr auf Bildern zu suchen. Darstellungen von Adam und Eva blieben erstmal die Ausnahme. Klar gab es weitere Ausrei\u00dfer, Kunsthistoriker*innen entdecken immer neue kuriose F\u00e4lle, beispielsweise Orgiendarstellungen auf romanischen Kirchenfassaden. Aber sie sind gerade deswegen kurios, weil die kanonische Kunstgeschichte sie verschwieg.<\/p><p>Mit der Renaissance kam eine weitere Lockerung: Nacktheit geht klar \u2013 solange das Motiv biblisch oder mythologisch ist. Die ganzen Putti als nackte Baby-Engelchen fielen unter diese Ausnahme. Und bei Allegorien wie z.B. Vanitas-Darstellungen ging es in Ordnung.\u00a0<\/p><p><b>Von wegen nat\u00fcrliche Nacktheit\u00a0<\/b><\/p><p>Jahrhunderte lang spielten K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler nach diesen Regeln. Und es ist doch wirklich fragw\u00fcrdig, Nacktheit in einem kunsthistorischen Rahmen frei von sexistischen Parametern zu betrachten, denn es ist ein in erster Linie m\u00e4nnlicher, patriarchaler, objektivierender Blick, der jahrhundertelang K\u00f6rperbilder pr\u00e4gte.\u00a0<\/p><p>Der Kunsthistoriker John Berger unterscheidet zwischen Nacktheit und Entb\u00f6\u00dftheit: Nackt sein hei\u00dft, man selbst sein. Entbl\u00f6\u00dft sein hei\u00dft, von Anderen nackt und nicht als man selbst gesehen zu werden. Ein Bild ist ein Objekt, und der entbl\u00f6\u00dfte K\u00f6rper im Bild wird somit ebenfalls zum Objekt degradiert. Der nackte K\u00f6rper dient nicht dem Selbstzweck, sondern der Betrachtung.<\/p><p>Aktdarstellungen spiegelten in der westlichen Kunstgeschichte meist patriarchale Sch\u00f6nheitsideale wider. Zu Zeiten von Peter Paul Rubens waren Kurven und Volumen in. In der \u00c4ra von Jean-Auguste-Dominique Ingres waren es die ein oder zwei Wirbel mehr, die dem weiblichen K\u00f6rper den ganz besonderen Charm verliehen \u2013 da konnten sich die K\u00fcnstler ganz besonders an unrealistischen K\u00f6rperbildern austoben!<\/p><p>Ach ja, und da ist noch ein kleiner Double Standard: M\u00e4nnliche Aktdarstellungen hatten nie, im Gegensatz zu weiblichen Darstellungen, schamvoll zu sein. Der nackte Mann ist in der Kunstgeschichte antiker Held, g\u00f6ttliches K\u00f6rperideal und stolzer Krieger. Frauen aber haben sich in ihrer Nacktheit ganz anders zu verhalten. In dem Zusammenhang sagte Olaf zur Bild: \u201eIch kann nicht nachvollziehen, dass die Venus Medici als sexistisch empfunden werden k\u00f6nnte. Sie ist ja schon vom Typus her eine \u201aschamhafte\u2018 Venus und zeigt keine anbiedernde Nacktheit.\u201c Es ist doch bezeichnend, dass es mit der <i>Aphrodite pudica<\/i> einen ganzen Bildtypus dazu gibt, wie die nackte Frau auszusehen hat: schamvoll, sich mit der Hand bedeckend, sich klein machend. Das gilt auch f\u00fcr G\u00f6ttinnen. Und auch das ist f\u00fcr Olaf kein Grund, Sexismus zu wittern.\u00a0<\/p><p>Aktdarstellungen waren in einem gewissen Sinne auch schon immer Formen gesellschaftlich und kunsthistorisch legitimierter Pornografie. Klar, sie durfte nicht offensichtlich sein, deshalb bitte nur biblische oder mythologische Motive. Du willst was erotisches f\u00fcrs Schlafzimmer? Ein Frauenakt auf einem Bett vielleicht? Nenn die Frau Venus und schon stellt dir keiner dumme Fragen! Oder wie w\u00e4re es mit einer b\u00fc\u00dfenden Maria Magdalena, der beim Beten die Br\u00fcste beinahe aus dem Bild heraus ins Gesicht des Betrachters fallen? Im 16. Jahrhundert rissen sich die M\u00e4zene geradezu darum, den erotischsten Frauenakt zu besitzen und letztendlich sind es sowieso M\u00e4nner, die die Regeln der guten Moral festlegen: Wer soll schon was sagen, wenn du dir als Kardinal Ippolito de&#8216; Medici die <i>Venus von Urbino<\/i> (1538) f\u00fcr dein Schlafzimmer in Auftrag gibst. Oder wenn du als Kardinal Alessandro Farnese Tizian mit einer <i>Dana\u00eb<\/i> (1544) beauftragst und dein Gesandter dir zufrieden mitteilt, dass die Venus von Urbino im Vergleich zu deinem neuen Schatz wie eine pr\u00fcde Theatine aussehe.\u00b2 Und da war noch der geschmackvolle Kommentar von Boschini: Ein Gem\u00e4lde ohne Akt sei wie ein Mahl ohne Brot.\u00b3 Ist ja alles ausschlie\u00dflich f\u00fcr kunsthistorischen Genuss und geistige Stimulation, versteht sich \u2026<\/p><p>W\u00e4re Nacktheit immer so als nat\u00fcrlich und menschlich angesehen und nicht sexistisch, wie Olaf behauptet, dann h\u00e4tte man doch nie ein Problem damit gehabt, K\u00fcnstlerinnen zum Aktzeichnen zuzulassen. Aber <i>so<\/i> nat\u00fcrlich war Nacktheit dann doch nicht, das wollte man den zerbrechlichen Gem\u00fctern nicht zutrauen. Und es w\u00e4re f\u00fcr Frauen keine Schande gewesen, f\u00fcr einen K\u00fcnstler Akt zu stehen (diese Arbeit war f\u00fcr Menschen an den R\u00e4ndern der Gesellschaft bestimmt: Als Mensch wertlos, als Abbild unbezahlbar). Und dann h\u00e4tte Gustave Courbets Nahansicht einer Vulva, der <i>L\u2019Origine du Monde<\/i> (1866), keinen Skandal ausgel\u00f6st. Und keiner h\u00e4tte bei Eduard Manets <i>Olympia<\/i> (1863), die als Sexarbeiterin weder G\u00f6ttin noch Gottesmutter war und selbstsicher dem m\u00e4nnlichen Blick die Stirn bot, die Augenbraue gehoben. K\u00fcnstler*innen der Moderne wandten sich von den alten Spielregeln ab und zeigten Menschen in ihrer echten Nacktheit: ungesch\u00f6nt, unadelig, ung\u00f6ttlich \u2013 und machten genau damit auf jenen kunsthistorischen und gesellschaftlichen Sexismus aufmerksam, den Olaf nun aus dem Nichts heraufbeschworen sieht.<\/p><p>W\u00e4re diese kunsthistorische Nacktheit kein Sexismus, dann h\u00e4tte sich 2021 niemand \u00fcber Juliana Notaris als Vulva geformte Land Art Skulptur <i>Diva<\/i> aufgeregt. Und die Guerilla Girls h\u00e4tten sich 1989 ganz umsonst echauffiert, dass K\u00fcnstlerinnen nur 5% der Sammlung des Metropolitan Museum of Art ausmachten, 85% der Aktdarstellungen jedoch von weiblichen K\u00f6rpern sind. Wer also glaubt, dass diese Kunstgeschichte nicht sexistisch sei, soll sich als Erster seiner Kleidung entledigen.<\/p>\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-30022f6 elementor-widget elementor-widget-image\" data-id=\"30022f6\" data-element_type=\"widget\" data-e-type=\"widget\" data-widget_type=\"image.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1152\" src=\"https:\/\/ato.vision\/magazine\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Lely_Venus_BM_1963_n2-klein-768x1152.jpg\" class=\"attachment-medium_large size-medium_large wp-image-10088\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/ato.vision\/magazine\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Lely_Venus_BM_1963_n2-klein-768x1152.jpg 768w, https:\/\/ato.vision\/magazine\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Lely_Venus_BM_1963_n2-klein-200x300.jpg 200w, https:\/\/ato.vision\/magazine\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Lely_Venus_BM_1963_n2-klein-683x1024.jpg 683w, https:\/\/ato.vision\/magazine\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Lely_Venus_BM_1963_n2-klein-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/ato.vision\/magazine\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Lely_Venus_BM_1963_n2-klein.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/>\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-0887848 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"0887848\" data-element_type=\"widget\" data-e-type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<p style=\"text-align: center;\">Unbekannt: <em>Statue of crouching Aphrodite (&#8218;Lely&#8217;s Venus&#8216;)<\/em>, 2. Jh. n. Chr. (Kopie), Marmor,\u00a0 1,12 m; London: British Museum;\u00a0Foto: Marie-Lan Nguyen (2011), CC BY 2.5, <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=15511559\">https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=15511559<\/a><\/p>\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Berliner Beh\u00f6rdengeb\u00e4ude stand bis vor kurzem die Bronzeskulptur einer Venus Medici, vermutlich aus dem sp\u00e4ten 18. Jahrhundert. Dass sie nun aus Gr\u00fcnden der Gleichberechtigung entfernt wurde, finden so manche skandal\u00f6s und wittern das Diktat des woken Wahnsinns! Jennifer Braun wittert hier etwas ganz anderes..<br \/>\nLesezeit: 9 Minuten<\/p>\n","protected":false},"author":30,"featured_media":10084,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"elementor_theme","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[56],"tags":[522,43,525,520,524,405,421,40,60,223,62,518,521,523,519],"class_list":["post-10083","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allebeitraege","tag-aktdarstellung","tag-berlin","tag-bundesamt-fuer-zentrale-dienste","tag-feminismus","tag-gleichstellung","tag-jennifer-braun","tag-kultur","tag-kunst","tag-kunstgeschichte","tag-kunstkritik","tag-museen","tag-nacktheit","tag-patriarchaler-blick","tag-sexismus","tag-venus-medici"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.3 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Wie Gott uns erschaffen hat \u2013 Das M\u00e4rchen der vermeintlich unsexistischen Nacktheit \u2013 Crisp Magazin<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Wie sexistisch ist kunsthistorische Nacktheit wirklich? 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