{"id":10944,"date":"2026-02-19T09:57:40","date_gmt":"2026-02-19T09:57:40","guid":{"rendered":"https:\/\/ato.vision\/magazine\/?p=10944"},"modified":"2026-02-19T09:57:41","modified_gmt":"2026-02-19T09:57:41","slug":"bewegte-gesichter-still-gestellt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ato.vision\/magazine\/bewegte-gesichter-still-gestellt\/","title":{"rendered":"Bewegte Gesichter, still gestellt"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-post\" data-elementor-id=\"10944\" class=\"elementor elementor-10944\" data-elementor-post-type=\"post\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-2b38a35 e-flex e-con-boxed e-con e-parent\" data-id=\"2b38a35\" data-element_type=\"container\" data-e-type=\"container\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"e-con-inner\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-91bfa9d elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"91bfa9d\" data-element_type=\"widget\" data-e-type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<p>\u201eBewegte Gesichter altern nicht\u201c, sagt meine Freundin A. \u201eJe weniger du greifbar bist, je weniger dein Gesicht nur eine einzige Pers\u00f6nlichkeit ausdr\u00fcckt, desto weniger sieht man dir an, wie du \u00e4lter wirst. Stattdessen bleibst du eben einfach in Bewegung.\u201c A. sagt das im Verh\u00e4ltnis zu den Regeln der Normativit\u00e4t, die sie ablehnt. Sie sagt es im Verh\u00e4ltnis zu unserer gemeinsamen Freundin B., die sich erfolgreich vorgenommen hat, nicht zu l\u00e4cheln, wenn die Sonne scheint, weil man dann besonders schnell Falten bekommt. Und die immer einen riesigen Sonnenhut tr\u00e4gt, selbst im Herbst noch. Der Sonnenhut steht ihr gut, das denken wir beide, aber ihr faltenloses, makelloses Gesicht wirkt seltsam w\u00e4chsern.<\/p><p>Ich erinnere mich an A.s Ausspruch, als J. sagt, dass es schwierig werden k\u00f6nnte, mich auf der Leinwand abzubilden \u2013 denn mein Gesicht w\u00e4re so bewegt. \u201eVielleicht gibt es keinen einzigen Ausdruck, der repr\u00e4sentativ ist, f\u00fcr deinen Charakter\u201c, sagt er \u2013 vielleicht m\u00fcsste man mehrere zeigen. Und ich erinnere mich an eine Malerei vom sp\u00e4ten Tizian, bei der ein Sch\u00e4fer neben einer nackten Nymphe sitzt und sich halb abwendet, im Hintergrund aber sieht man noch eine dritte, eine Geisterhand, die die Nymphe umf\u00e4ngt \u2013 es ist die Hand, die den Wunsch des Sch\u00e4fer ausdr\u00fcckt, ebenjene G\u00f6ttin zu ber\u00fchren. Der Wunsch bleibt unerf\u00fcllt, aber Tizian erf\u00fcllt ihn ihm, indem er jene Geisterhand zur Komposition hinzuf\u00fcgt.<\/p><p>Die Zeit vergeht auf seltsame Weise, w\u00e4hrend ich auf dem Sofa sitze, J. gegen\u00fcber. Die liegende Pose war uns zu lasziv vorgekommen, obwohl die Stimmung sehr n\u00fcchtern ist. Es ist das Problem des Kanons, mit dem wir konfrontiert sind.<\/p><p>Ich sitze also auf dem Sofa, J. sitzt mir gegen\u00fcber. Er putzt seine Pinsel mit einem Geschirrhandtuch, es macht ein Ger\u00e4usch, so unangenehm, dass sich meine unsichtbaren Haare str\u00e4uben.<\/p><p>Drau\u00dfen scheint die Sonne, es ist ein wundersch\u00f6ner Tag. Ich bin froh, dass ich einen guten Grund habe, ihn nicht im Freien zu verbringen: Ich bin eine notorische Stubenhockerin. Vielleicht bin ich deshalb Autorin geworden, denke ich. Um einen guten Grund zu haben, Zuhause zu bleiben, wenn alle anderen das Haus verlassen. Manchmal r\u00fchme ich mich damit, dass dunkle Jahreszeiten und schlechtes Wetter mich unbeeindruckt lassen. Es ist zumindest fast wahr.<\/p><p>Ob J. das so \u00e4hnlich geht, wei\u00df ich nicht, aber er hat sich jedenfalls eine \u00e4hnlich einsame T\u00e4tigkeit ausgesucht. Es gibt einiges, was Maler:innen und Schreibende verbindet: Wir verbringen viel Zeit allein, im Zwiegespr\u00e4ch mit der Leinwand, dem gef\u00fcrchteten wei\u00dfen Blatt Papier. Die Farbe wei\u00df bildet den Grund f\u00fcr die Welten, die wir schaffen. Wir befinden uns unweigerlich in Gesellschaft all derer, die vor uns geschrieben und gemalt haben: die unterrepr\u00e4sentierten von ihnen ebenso omnipr\u00e4sent wie die, die es in den Kanon geschafft haben. Ein Bezugssystem, das wir immer wieder vergessen m\u00fcssen, sonst w\u00fcrde es uns von der Arbeit abhalten. Eines, das dennoch anwesend bleibt, im Unbewussten. Wir schreiben uns, mit Pinsel und Tastatur, ein in eine lange Tradition. Unsere eigene Position darin ist so wenig zuf\u00e4llig wie sie uns selbst verborgen bleiben muss: Zu genau zu wissen was man tut, steht der Idee der t\u00e4glichen Atelier- oder Schreibtischpraxis entgegen.<\/p><p>Wir beide sind, in unserer professionellen Funktion, Einzelg\u00e4ngerinnen, die sich ab und zu zeigen m\u00fcssen. Der Kontrast zwischen der fast eremitischen, in sich selbst zur\u00fcckgezogenen Praxis und dem selteneren Moment der Repr\u00e4sentation, auf die die Arbeit hinausl\u00e4uft (die Lesung, die Ausstellungser\u00f6ffnung) k\u00f6nnte gr\u00f6\u00dfer kaum sein \u2013 er hat fast schizophrene Natur.<\/p><p>Einmal in der Stunde piept meine blaue Casio Uhr. Das Piepen kann ich nicht ausstellen, deshalb bleibt die Uhr nachts immer so weit wie m\u00f6glich von meinem Bett entfernt. Weil ich auch nicht wei\u00df, wie man sie umstellt, habe ich eine Casio f\u00fcr die Sommerzeit und eine f\u00fcr die Winterzeit. Um Mitternacht piept die Uhr besonders laut &#8211; sp\u00e4testens dann wei\u00df ich, dass Schlafenszeit ist. Das Piepen hat etwas Manisches.<\/p><p>Anfangs kommen mir die Abst\u00e4nde zwischen dem st\u00fcndlichen Piepen noch besonders lang vor, mit jeder Stunde dann ein wenig k\u00fcrzer. Die Diskrepanz zwischen tats\u00e4chlich vergangener Zeit und \u201egef\u00fchlter\u201c Zeit ist eines der Logikprobleme meiner, unserer Gegenwart; die Konstruktion von Zeit etwas zutiefst Kapitalistisches. Manchmal frage ich mich, ob sie tats\u00e4chlich existiert, diese scheinbar verbindliche Zeit \u2013 so relativ kommt sie mir vor. Dann kann ich sie nur in ihrer Funktion, uns zum Arbeiten anzustiften, wahrnehmen. Hier auf dem Sofa, das ebenfalls buchst\u00e4blich \u201eaus der Zeit gefallen\u201c zu sein scheint, verschwimmt sie ein bi\u00dfchen, offenbart sich in ihrer ganz somatischen Relativit\u00e4t.<\/p><p>J. und ich haben Blickkontakt \u2013 er ist anders als jede Art Blickkontakt, die ich kenne. N\u00fcchtern, weniger bedeutungsschwanger, als in jeder anderen Situation \u2013 und dabei unglaublich genau. Noch nie hat mir jemand so tief in die Augen geschaut, ohne mir dabei etwas Bestimmtes sagen zu wollen.<\/p>\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-aa16d76 elementor-widget elementor-widget-image\" data-id=\"aa16d76\" data-element_type=\"widget\" data-e-type=\"widget\" data-widget_type=\"image.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1027\" src=\"https:\/\/ato.vision\/magazine\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Olga_Joachim_Crisp_klein-768x1027.jpg\" class=\"attachment-medium_large size-medium_large wp-image-10956\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/ato.vision\/magazine\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Olga_Joachim_Crisp_klein-768x1027.jpg 768w, https:\/\/ato.vision\/magazine\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Olga_Joachim_Crisp_klein-224x300.jpg 224w, https:\/\/ato.vision\/magazine\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Olga_Joachim_Crisp_klein-766x1024.jpg 766w, https:\/\/ato.vision\/magazine\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Olga_Joachim_Crisp_klein-1149x1536.jpg 1149w, https:\/\/ato.vision\/magazine\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Olga_Joachim_Crisp_klein.jpg 1496w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/>\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-4d2e1c0 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"4d2e1c0\" data-element_type=\"widget\" data-e-type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<p class=\"a-b-r-La\" style=\"text-align: center;\">Olga Hohmann, portr\u00e4tiert von Joachim Lenz, 2025<\/p>\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-8703802 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"8703802\" data-element_type=\"widget\" data-e-type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<p>\u00a0<\/p><p>Irgendwann stehe ich auf und hole uns Hei\u00dfgetr\u00e4nke von nebenan. Es ist die Art Getr\u00e4nk, die es erst seit einigen Jahren in der Stadt gibt \u2013 es ist ein Versuch, von meiner Seite, die Nostalgie zu brechen, die kaum zu ertragen ist. Obwohl: Ist nicht alles, was in der Gegenwart passiert, notgedrungen \u201egegenw\u00e4rtig\u201c, \u201econtemporary\u201c, einfach, weil es in der Gegenwart passiert und nicht in einer anderen Zeit? Und: Ist man nicht ohnehin immer mindestens einen Schritt zu langsam, wenn man versucht, \u201ein der Gegenwart\u201c zu sein?<\/p><p>Am Telefon hatte F. gesagt, dass man \u201egute Malerei\u201c daran erkenne, dass ein einziger Ausschnitt, ein Rechteck, wie man es mit zwei H\u00e4nden beschreibt, die ganze Komplexit\u00e4t der gesamten Leinwand in sich tr\u00e4gt. <em>Pars pro toto<\/em>\u00a0\u2013 ein Teil beschreibt das Ganze.<\/p><p>Nat\u00fcrlich traue ich mich selten, zu schauen, was dort passiert, auf der anderen Seite der Leinwand. Manchmal ruft J. aus ich s\u00e4he pl\u00f6tzlich aus wie eine alte Frau, manchmal \u00e4rgert er sich, dass ich zu ernst aussehe und kommentiert das dann direkt: \u201eEs gibt nichts Schlimmeres, als wenn ein Mann zu einer Frau sagt \u201aL\u00e4chel doch mal!\u2018\u201c. Ich frage mich, ob der Maler in seiner fast hellseherischen, in seiner Genauigkeit irgendwie metaphysisch-beschw\u00f6renden Funktion, vielleicht erkennt, dass mein \u201ewahrer Charakter\u201c in Wirklichkeit gar kein so sympathischer, lustiger ist, wie ich hoffe, es zu vermitteln. So wie wenn ein Haustier oder ein kleines Kind anf\u00e4ngt zu weinen, wenn es einen kennenlernt und man vermutet, sie h\u00e4tten etwas in einem gesehen, was den Erwachsenen verborgen bleibt.<\/p><p>Die gr\u00f6\u00dfte Frage, die immer wieder auftaucht, ist die nach dem Generischen und dem Spezifischen. Ich s\u00e4he zu wenig spezifisch aus, meine Eigenheit w\u00fcrde sich nicht vermitteln, sagt J. immer wieder und wischt mit Terpentin \u00fcber die Leinwand, so dass gro\u00dfe beige Flecken entstehen. Dann fragt er sich wieder, ob es wohl unm\u00f6glich ist, mich einzufangen, als \u201eganzen Menschen\u201c, wenn man nur einen einzigen Ausdruck w\u00e4hlt, statt vieler, die sich schnell hintereinander abl\u00f6sen. Neulich, als ein befreundeter Arzt mir Botox gegen die Stirnfalten anbot, nicht zuletzt weil es \u201egut gegen melancholische Verstimmung\u201c sein soll, war es genau das, was mich davon abhielt, auf das Angebot einzugehen: Die Unm\u00f6glichkeit, mit den Augenbrauen Ambiguit\u00e4ten auszudr\u00fccken.<\/p><p>Ich antworte J., dass die Frage nach dem Generischen und dem Spezifischen ohnehin durchaus allgegenw\u00e4rtig sein \u2013 st\u00e4ndig werde ich darauf angesprochen, dass jemand mal wieder \u201eeine Doppelg\u00e4ngerin\u201c von mir gesehen h\u00e4tte. Oder im Gegenteil: Fremde kommen auf mich zu, fassungslos, und behaupten, ich w\u00e4re das genaue Abbild ihrer Freundin soundso. Die jeweiligen Menschen, die die \u00c4hnlichkeit entdecken, sind dabei meistens v\u00f6llig eingenommen von der Erkenntnis, w\u00e4hrend man selbst nicht viel damit anfangen kann, man kennt die betreffende Person ja gar nicht. Dennoch: Es gibt kaum ein Spiel, das die Eitelkeit st\u00e4rker befriedigt, als die Frage danach, welchem <em>Celebrity<\/em> man \u00e4hnlich sieht.<\/p><p>Dass J. mit der Farbe Beige beginnt, um die Umrisse zu zeichnen, gef\u00e4llt mir. Als Kind war es mein gr\u00f6\u00dfter Minderwertigkeitskomplex, dass alles an mir beige zu sein schien: Haare, Haut und Augen. Kaum Kontraste. Lieber h\u00e4tte ich ausgesehen wie Schneewittchen \u2013 aber das Gegenteil war mir verg\u00f6nnt. Irgendwann freundete ich mich mit der Eigenschaft Ton-in-Ton zu sein an, eignete sie mir quasi an und unterst\u00fctzte sie noch, indem ich mich zus\u00e4tzlich beige kleidete.<\/p><p>W\u00e4hrend J. unsichtbar durch die Oberfl\u00e4che der Leinwand navigiert &#8211; die Farbpaletten fungieren als Landkarte &#8211; frage ich mich, ob nicht jedes Portr\u00e4t in erster Linie das Portr\u00e4t des Malers ist. Ebenfalls eine Verbindung zum Schreiben: Man eignet sich, malend, schreibend, das Narrativ \u00fcber die eigene Umgebung an. Vor allem dann, wenn man sich ausgeliefert f\u00fchlt, kann diese Aneignung ein befreiendes, ein empowerndes, selbsterm\u00e4chtigendes Moment haben: J. erz\u00e4hlt, er fing damit an, in der Schule die Lehrerin:innen, die Autorit\u00e4ten zu portr\u00e4tieren.<\/p><p>Auf dem Sofa sitzend, der Heizstrahler direkt vor mir, frage ich mich also: Ist jedes Portr\u00e4t in erster Linie ein Selbstportr\u00e4t der Maler:in? Ein verr\u00fcckter Gedanke, wenn man daran denkt, wie viele historische Gem\u00e4lde im h\u00f6fischen Kontext entstanden, oder im christlichen. In beiden F\u00e4llen ging es nicht um die Subjektivit\u00e4t der jeweiligen Maler:in \u2013 dennoch spiegelte sie sich in ihnen: Velazquez charakteristische Eigenart spiegelt sich in den R\u00f6cken der \u201eMeninas\u201c.<\/p><p>Wie genau das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis zwischen K\u00fcnstler:in und Portr\u00e4tierten gelagert ist, ist komplex. J. erz\u00e4hlt, dass er seinen Sohn daf\u00fcr bezahlen musste, sich von ihm portr\u00e4tieren zu lassen. Um sein Taschengeld aufzufrischen, sa\u00df er nun seinem Vater Modell. Jener Sohn schaut mich an, w\u00e4hrend ich dort auf dem Sofa sitze, zweimal sogar \u2013 in sehr gro\u00dfem und in sehr kleinem Format. Es erinnert mich fast an die Gem\u00e4lde, deren Augen, deren Blick, einem immer zu folgen scheinen, ganz gleich, in welchem Teil des Raumes man sich befindet. \u201eJe gr\u00f6\u00dfer die Leinwand ist, desto kleiner wird der Ausschnitt\u201c, sagt J. und \u00e4rgert sich, dass er meine orangefarbenen Socken nicht mit aufs Bild bekommt \u2013 denn sie passen doch so gut zu den orangefarbenen, frisch manik\u00fcrten Fingern\u00e4geln.<\/p><p>Ich denke an Henri Matisse, der manchmal monatelang auf ein Modell wartete, weil es ihm unm\u00f6glich schien, eine andere Person zu portr\u00e4tieren. So wartete er zum Beispiel fast ein halbes Jahr auf eine reiche Amerikanerin, von der er bisher nur ein Foto gesehen hatte, und die den Termin immer wieder verschob, weil sie stattdessen in Sankt Moritz feierte. W\u00e4hrend er wartete, kaufte er auf dem Markt immer mehr Zierv\u00f6gel, deren Farben ihn inspirierten und ihn darauf vorbereiten sollten, jenes Modell m\u00f6glichst spezifisch abzubilden.<\/p><p>Mittlerweile habe ich nun doch die Position gewechselt, nicht zuletzt aus der leichten Ersch\u00f6pfung heraus: Jede Position kann erm\u00fcden, wenn man sie lange halten muss, stelle ich fest, egal, welche es ist, egal, wie bequem sie anfangs scheint. Dadurch, dass J. nun sitzt \u2013 und nicht mehr steht \u2013 ist das Verh\u00e4ltnis zu mir, die ich nun liege, nicht unangenehm. Im Gegenteil: Wir sind buchst\u00e4blich auf Augenh\u00f6he.<\/p><p>Im Geruch von \u00d6lfarbe, Terpentin und Walnuss\u00f6l liegend, frage ich mich, warum ich eigentlich so furchtlos bin, wenn es um mein eigenes Portr\u00e4t geht: Irgendwie habe ich mich damit abgefunden, dass das Unsichtbare, das auf der anderen Leinwandseite erscheinen wird, mindestens ebenso sehr ein Portr\u00e4t von J. selbst ist, wie von mir. Es zeigt eine von vielen \u201eWahrheiten\u201c, eine Perspektive auf mein Gesicht, eine einzige Form, das Bewegte still zu stellen, die an einem anderen Tag, durch eine andere Linse, eine ganz andere sein k\u00f6nnte. Und so kann ich tats\u00e4chlich ein wenig \u201eloslassen\u201c, im streng nicht-esoterischen Sinne, auf dieser unaufdringlichen, leichten Ledercouch. Ich frage mich, ob ich etwas benebelt bin von den giftigen D\u00e4mpfen, die, so sagt man, f\u00fcr manche historische Maler:in, den fr\u00fchen Tod bedeutet hat. Sigmar Polke, der sowohl als Chemiker als auch als Alchemist unter den Maler:innen galt, hat sich, so vermutet man, buchst\u00e4blich an den D\u00e4mpfen, die seine Malerei erzeugten, vergiftet.<\/p><p>J. wischt die \u00d6lfarbe immer nur an einem Hosenbein ab. In der Ecke des Raumes liegen seine Stra\u00dfenkleider, im Kreuzberger Atelier tr\u00e4gt er verschiedene Paare Jeans, die alle nur rechts von \u00d6lfarbe verschmutzt sind. Eine Eigenart, die mich besch\u00e4ftigt \u2013 so wie meine M\u00e4ntel nur auf der linken Schulter verschlie\u00dfen, weil ich die Handtasche immer auf der selben Seite trage. Und dann sagt er etwas, das mich beruhigt: \u201eBis die Malerei vollst\u00e4ndig getrocknet ist, dauert es Jahre.\u201c Sie ist also im Werden begriffen, bleibt unfertig, im Prozess, selbst wenn sie unangetastet bleibt \u2013 so wie unsere K\u00f6rper, die, selbst im Ruhezustand immer in Bewegung bleiben. Die Zellen erneuern sich t\u00e4glich, st\u00fcndlich, im Sekundentakt \u2013 und so ist ein Portr\u00e4t immer mehr, als (nur) ein Abbild. Es ist auch ein Selbstportr\u00e4t der Maler:in, es ist ein verg\u00e4nglicher Blick auf einen verg\u00e4nglichen Menschen, in einem h\u00f6chst verg\u00e4nglichen Moment. Und es arbeitet weiter, arbeitet vor sich hin, selbst wenn der letzte Pinselstrich getan ist.<\/p>\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Maler blickt auf das Modell und das Modell blickt zur\u00fcck. Die K\u00fcnstlerin und Autorin Olga Hohmann und der Maler Joachim Lenz haben sich f\u00fcr CRISP getroffen. Zwischen \u00d6lfarbe und Blickkontakt entstanden zwei Bilder und ein intimer Essay \u00fcber das Modell-Sitzen, die Verschiebungen zwischen Leinwand und Leben und die Frage, was ein Portr\u00e4t wirklich zeigt: die portr\u00e4tierte Person oder die K\u00fcnstler:in selbst?<br \/>\nLesezeit: 17 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