AFFORDABLE ART FAIR

Live your dreams – mache dein Wohnzimmer zu einem Museum! Klingt erst mal gut: leistbare Kunst bei der Affordable Art Fair. Der Eintritt kostet 10€, die Werke zwischen 100 und 10.000€ (huch!). Was es da gab und ob man es denn auch haben möchte: Laura Ewert hat für uns genau hingeschaut und berichtet. Lesezeit: 3 Minuten

Oh, das ist was los an Booth B3. Wein wird ausgeschenkt, es wird gebussit, „Hi, hi, hi! Toll hier, hast du schon was gefunden?“ Die Affordable Art Fair ist zurück in der Halle der Berliner Arena. Wo also vor Jahren noch ein Impfzentrum improvisiert wurde, da soll es nun bezahlbare Kunst geben, aber was heißt denn das schon?

Erschwinglich ist eine schöne Übersetzung für affordable. Und es schwingt hier wirklich sehr. Alle sehen aus, als würde man sie aus einem peinlichen Joyn-Format kennen. Ein Cafe-Betreiber aus Mitte, eine Yoga-Lehrerin, äh, Entschuldigung, Psychedelic Breath ® Work Coach, Mütter-Töchter-Paare, die mit Hot Pants und Hobo-Stiefeln aussehen wie Schwestern, ein Sohn mit Herrenhandtasche, an Mutters Arm geschmiegt, sie alle flanieren als wären diese Gänge die Champs-Élysées.

Die Handtaschen (Chanel) kosten mehr als das Bild in Booth G4, so wie die Rolex am Arm dessen, der gerade sagt: „Super Messe, alles günstig, tolle Künstler.“ Er verweist auf die Aufkleber, die gut sichtbar neben verschiedenen Arbeiten kleben: „Unter 500 Euro“ steht da drauf oder „Unter 1000“.

Nach der ersten Ausgabe im letzten Jahr ist dies die zweite Ausgabe der Messe, die über 60 lokale, nationale und internationale Galerien dabei hat. Vilnius, Herpen, Seoul. Bei einer niederländischen Galerie kauft eine Künstlerin aus Mitte gerade eine Glasarbeit. Eine kleine Schale mit einem imposanten Papagei auf dem Deckel. 300 Euro. Sie fragt sich, wie die Galerie das eigentlich kalkuliert. Anfahrt, Übernachtung, Standgebühr und dann nur 300 Euro pro Arbeit. „My Home is my Museum“ steht auf den Papiertüten, in die der Vogel gerade gepackt wird.

Ein paar Stände weiter gibt es am IPad gezeichnete Bilder von Milan Peschel. Vermutlich der Schauspieler, vermutlich Selbstportraits, Auflage limitiert, 690 Euro. Eine Galerie aus Seoul zeigt einen Künstler, der mit aufgeklebten Holzstücken Häuser malt. Die Initiative Skateroom verkauft Skateboard-Decks mit Kunstdrucken von Warhol bis Basquiat, 240 Euro, ein Teil des Erlöses fließt in die Stiftung, die damit den Bau von Skateparks in Togo oder der Ukraine finanziert.

Und der Packservice, vorm Eingang links, der rosa Luftpolsterfolie auf großen Rollen bereit hält, hat ganz schön zu tun. Die Mutter-Tochter-Schwestern tragen mittlerweile Pakete im Arm. Ein Kinderwagen wurde kurzerhand zum Kunstkarren umgenutzt und man selbst überlegt jetzt auch schon, ob man so eine Glasdose kaufen sollte. Aber hatte man nicht in den letzten Monaten einen besorgniserregend niedrigen Umsatz eingefahren? Vielleicht trotzdem diese blau-gelbe mit dem Nashorn drauf? Für das nicht vorhandene Ferienhaus in Sizilien oder Südafrika? 

Apropos Südafrika, der junge Mann von ebenda sagt gerade zu seiner Angetrauten: „Was würde dir denn gefallen?“ und ich spüre wieder diese kurze Aufregung als Kind, wenn der Vater das fragt, so als könnte man sich gleich etwas aussuchen, aber sie kaufen dann doch nichts. Und das ist ja auch wie früher.

Naja, jedenfalls hängt hier sehr viel Kunst für Hotels und Ferienwohnung. Also maritime Motive, Strand, Vögel, Zitrusfrüchte. Oder Kunst für Perverse: Kleine (Bronze?) Skulpturen von nackten Frauen, die mit ihrem Körper Buchstaben formen. Für das U liegt die Frau mit gespreizten Beinen am Boden, als würde gleich der Penis kommen. Und das Ganze ergibt den aggressiven wie rätselhaften Appell „Live Your Dreams“. 

Oder hier, eine Unterhose, olivefarben mit dunklem Bund, die an der Wand hängt, über irgendetwas drüber. „Lift me up!“ steht daneben und „18+“ rot eingekreist. Aber der Titel „Penis in a Hotdog with a Glass of Water“ motiviert wirklich überhaupt nicht dazu, diese olle Unterhose anzufassen.

Es ist auch einiges für räudige Startup-Büros dabei, Stencil-Kunst auf Pressholz (Mädchen mit Vogel auf der Schulter) oder Kästen, die wie Cornflakes-Packungen bemalt wurden und daran erinnern, dass man jetzt wirklich aufwachen muss, und zur Arbeit gehen, auch wenn „fucking Monday“ ist.

Ja, Mensch, und dann ist da noch das Bild von den goldenen Ballons, die im Berghain-Harness stecken. Man kann sich da jetzt über die miese Kunst lustig machen, aber die Frage ist, wofür?

„Die Vision der Affordable Art Fair“, so heißt es auf der Website, „besteht darin, die Kunstwelt zu demokratisieren, die Hürden für das Sammeln von Kunst abzubauen und mehr Menschen zum Kauf von Kunst zu ermutigen.“ Und das ist doch erstmal gut. Zielgruppe und Macherinnen und Macher werden hier doch sehr passgenau zusammengeführt. Nur wird hier wirklich demokratisiert? Es sind ja doch alle ziemlich reich hier. Neues Geld all over the place. 

„Was soll denn der Titel? Man will doch eigentlich unerschwingliche Kunst haben“, sagt die Begleitung, die auch noch eine Glas-Dose kaufen wird. Aber diese Begleitung hat auch keine Angst davor, in Galerien auf der Potsdamer Straße zu gehen. Viele Messebesucher hier vermutlich schon, die fürchten, dass man dort erstmal den Studiennachweis erbringen muss. Auch wenn das vielleicht eine eher unbegründete Sorge ist. Vor allem, wenn man sich die Kunst der letzten Biennalen so anschaut.

Und es ist doch gut, wenn diese Menschen sich ihr Zuhause gestalten wollen. Hat jetzt nicht so viel mit Kunst zu tun, ist ein vollkommen anderer Markt, aber es wäre doch wirklich so originell wie diese Skulptur da – eine Wassermelone, durch die lange schwarze Nägel gesteckt wurden – hier jetzt die Augenbraue zu heben.

Fotos: Laura Ewert