Traditionelle Klassifikationen werden noch immer häufig verwendet, um Kunstobjekte zu definieren. Begriffe wie Figuration, Abstraktion und Konzeptkunst wurden im letzten Jahrhundert eingeführt, um eine Kunstform von einer anderen zu unterscheiden. Doch heutzutage erscheinen diese Begriffe manchmal unpassend. Und trotzdem liest man in Ausstellungskatalogen und Rezensionen immer wieder, dass Künstler*innen entweder Malerei mit konzeptuellen Praktiken verbinden oder Abstraktion und Figuration miteinander verknüpfen.
Auch ich benutze diese Kategorien, wenn ich über Kunst spreche oder darüber schreibe. Vielleicht liegt das daran, dass ich als Kunsthistorikerin ausgebildet wurde. Aber durch ein Gespräch mit einem Künstler in Rom beginne ich, das zu überdenken.
An einem regnerischen Mittag strömten die Touristen zum Kolosseum und ich hatte einen Termin in einem alten Gebäude in der Nähe. Dort befindet sich das Atelier dieses Künstlers, in dem viele Zeichnungen und Ölbilder zu sehen sind, die Gitter und Sphären darstellen. In meinem Heft hatte ich alle meine Fragen notiert, und Wörter wie „Abstraktion“ und „Informel“ füllten die Seiten. Doch während des Gesprächs bemerkte ich, dass er sich mit diesen Begriffen nicht identifizierte.
„Ist deine Malerei abstrakt?“ –
„Was meinst du? Ist dein Schal abstrakt?“
Das ist mein Lieblingsschal, mit kreisförmigen und quadratischen Elementen. Ehrlich gesagt habe ich dieses Muster immer als abstrakt empfunden. Daher war ich ein bisschen überrascht: Ist mein Schal wirklich abstrakt? Diese Formen sind doch typisch für Delaunay und abstrakte Kunst, oder? Kunstgeschichte hat mich gelehrt, dass geometrische Motive und das Fehlen erkennbarer Figuren die Abstraktion charakterisieren. Aber natürlich würde ich nicht mehr von der rationalen Botschaft der Abstraktion für die Gegenwartskunst sprechen. Das Zeitalter von Mondrian liegt längst hinter uns und die Gesellschaft hat sich stark verändert. Aber die Kreise und die Rasterstrukturen in seinen Ölbildern hätten mich früher von abstrakter Malerei sprechen lassen. „Es drückt meine persönliche Sicht auf die Welt aus“, erklärte er mir.
Es stimmt, kritische Kategorien haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert, besonders weil die Kunstwelt heute so vielfältig ist. Während des Gesprächs mit dem Künstler fragte ich mich, ob diese Begriffe überhaupt noch nützlich sind – besonders, weil sie in einer Zeit eingeführt wurden, in der künstlerische Praktiken noch Grenzen kannten, die es heute nicht mehr gibt.
„Denkst du, ich sage etwas Unsinniges?“ Natürlich dachte ich das nicht – er sprach aus seiner Perspektive und ich aus meiner. Trotz (oder gerade dank) der Frage zum Schal war das Interview für mich als Kunstkritikerin wirklich bereichernd. Es brachte mich dazu, über meine Verwendung der kritischen Kategorien nachzudenken.
Ist mein Schal abstrakt? Das hängt von der Perspektive ab.

