Sex, Lügen und Videotapes

Eine Klopapierattacke auf Goethes Gartenhaus, Heroinkonsum vor dem Frankfurter Rathaus, ein abgefackeltes Polizeiauto und ein gestohlenes Kunstwerk von Joseph Beuys: Die Künstler*innen der Frankfurter Hauptschule machen Stress. Lesezeit: 8 Minuten

Das gelingt ihnen sehr wirkungsvoll: Kaum eine deutsche Künstler*innengruppe hat in den letzten Jahren für so viel medialen Wirbel gesorgt. Sie besteht aus vielleicht 20 Künstler*innen aus dem Umfeld der Städelschule in Frankfurt am Main. Wer alles genau dazugehört, lässt die Gruppe im Dunkeln. Aber sie eckt an, nicht nur in den Boomer-Kommentarspalten auf Facebook. Als „dümmliche, weiße Studenten“ wurden sie von der Berliner Zeitung bezeichnet, als „Nachwuchskräfte der gespielten Witz-Performance“ von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, auch die Bildzeitung berichtet regelmäßig über die Gruppe. Auf die Frage, worum es bei der Frankfurter Hauptschule geht, antwortet ein Sprecher der Gruppe dem Crisp-Magazin: „Sex, Lügen und Videotapes.“

Um die künstlerischen Methoden der Frankfurter Hauptschule besser zu verstehen, werden im Folgenden einige ihrer aufsehenerregendsten Aktionen zusammengefasst:

Mit ihrer ersten Aktion debütierte die Gruppe 2013. Anlässlich des 200. Geburtstags Richard Wagners fand das Jubiläumsjahr der Wagner-Festspiele in Bayreuth statt. Das Motto der Veranstalter lautete „Wagner für alle“. Die Frankfurter Hauptschule nahm das wörtlich und verteilte im Rahmen ihrer „Aktion Blumenmädchen“ gefälschte Freikarten für die Premiere auf dem Grünen Hügel. „Wir saßen damals in einer Kneipe und waren irritiert davon, wie sehr sich das Feuilleton über den Antisemiten Wagner heißgeschrieben hat“, sagt ein Sprecher der Gruppe dem Crisp-Magazin. „So kam die Idee zu der Aktion und zu unserer Gruppe zustande.“

 

In den folgenden zwei Jahren wurde es erstmal wieder still um die Frankfurter Hauptschule. 2015 kündigte die Künstler*innengruppe schließlich an, in der Galerie Kaiser P in der Frankfurter Kaiserpassage eine „Heroin-Performance“ durchführen zu wollen. Hierbei sollte sich eine Person live Heroin spritzen, um gegen die Gentrifizierung des von Drogenkonsum geprägten Frankfurter Bahnhofsviertels zu demonstrieren. Da diese Aktion unter anderem vom Frankfurter Kulturamt gefördert werden sollte, gab es einen großen Aufschrei. Der städtische Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU) wollte die Aktion verbieten. Die Aktion wurde schließlich vor dem Eingang des Frankfurter Rathauses auf dem Römerberg durchgeführt.

 


Im August 2016 setzte die Künstler*innengruppe im Rahmen der Aktion „Stahlbad ist 1 Fun“ ein Kopfgeld auf Liebesschlösser vom Eisernen Steg in Frankfurt aus. Für jedes Schloss bot man dem Überbringer einen Euro. Anschließend sollten sie zu einer Skulptur verschmolzen werden. Damit habe man „gegen die öffentliche Zurschaustellung patriarchaler Besitzansprüche in romantischen Zweierbeziehungen“ protestieren wollen.

 

 

Während der Jahresausstellung der Frankfurter Städelschule tauchte am 1. Februar 2018 ein ausgebranntes Polizeiauto im Frankfurter Bahnhofsviertel auf. Auch damit habe man ein Zeichen gegen die Verdrängung von Drogensüchtigen vor Ort setzen wollen, welche die Polizei damals mit einer knapp 150 Kopf starken Sondereinheit durchzusetzen versucht hatte.

Auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichte die Frankfurter Hauptschule ein Video mit dem Titel „Teaser 242 TITEL BESSER ALS MARTIN KIPPENBERGER“. Auf diesem wurde die Zerstörung des Autos dokumentiert: Dildos haften auf der Motorhaube, mit einem Schlaghammer wird die Frontschutzscheibe eingeschlagen, am Ende brennt der Wagen. Währenddessen zieht eine Erzählerstimme Parallelen zwischen dieser Aktion und zwei Gemälden des französischen Malers Hubert Robert. Für 29.999,99 Euro kann man das Auto derzeit im Online-Shop der Gruppe kaufen. Im Sommer war es in der Kunsthalle Barmen im Rahmen der Ausstellung Do WORRY be happy zu sehen (wo es in einer Protestaktion der Aktionskunst-Gruppe des Autonomen Zentrums Wuppertal wiederum verhüllt und zu einem temporären Ort der Erinnerung an Wuppertaler Opfer von Polizeigewalt umgebaut wurde [Anm. d. Redaktion]).

 

 

Als die Leitung des Theaters Oberhausen ihre Ausstellung zu Ehren des 60. Geburtstags Christoph Schlingensiefs 2020 eröffnen wollte, fehlte ein Ausstellungsstück: Eine Capri-Batterie von Joseph Beuys. Die Frankfurter Hauptschule veröffentlichte ein Video, in dem sie den Diebstahl inszenierte. Zu den Klängen von Totos Afrika sah man dort Mitglieder der Gruppe das Werk in einer Geste umgekehrten kolonialen Kunstraubs Repräsentanten des Hehe-Stammes in Tansania übergeben. Alles fake, wie sich im Nachhinein herausstellte: Die originale Capri-Batterie hatte in einer Abstellkammer des Theaters gelegen. „Das war soweit ich weiß die einzige Aktion, für die wir juristische Konsequenzen bekommen haben“, sagt der Sprecher der Gruppe. „Wegen Vortäuschung einer Straftat wurden ein paar Mitglieder verurteilt und mussten Strafen zahlen.“ Immerhin gab es für die Aktion „Bad Beuys go Africa“ internationale Presse.

 

 

Schaut man sich diese Aktionen an, stellt man fest: Dreh- und Angelpunkt der Frankfurter Hauptschule ist die wirkungsvolle Provokation, notfalls mit kriminellen Mitteln. „Farbe aufzutragen ist per se kein künstlerisches Verfahren“, sagt der Sprecher der Gruppe. „Zu Kunst wird es erst durch den Kontext, in dem es getan wird. Das gleiche gilt für Kriminalität.“

Aber wozu eigentlich die ganze Provokation? „Das ist in der Kunst nichts Ungewöhnliches“, sagt der Sprecher. „Ob Caravaggio, Christoph Schlingensief, Romeo Castellucci oder Santiago Sierra – sie alle haben provoziert.“ Innerhalb rein künstlerischer Regeln zu provozieren, sei allerdings schwierig geworden. „Marcel Duchamps konnte mit einem Urinal noch einen Kunstskandal auslösen.“ Gesellschaftlich zu provozieren sei heutzutage jedoch einfach wie nie. „Uns geht es darum, Scheinheiligkeiten in unserer Gesellschaft aufzudecken.

Ist das jetzt schon Aktionskunst oder nur Agitprop? „Agitprop will etwas Politisches erreichen und nutzt die Kunst lediglich zur Illustration“, sagt der Sprecher. „Wir hingegen nutzen politische Konflikte als Sujet. Es geht uns nicht um sinnvolle Lösungen, sondern Chaos.“ So richtig würden Provokationen ohnehin nur in Gesellschaften funktionieren, in denen etwas im Argen liegt. „Wenn alles in Ordnung wäre, würden die Menschen bei unseren Aktionen nur mit den Schultern zucken. Insofern sind aktuell schlechte Zeiten für den Menschen – aber gute für die Kunst.“

Mittlerweile gehört die Gruppe zum Establishment der deutschsprachigen Kunstwelt. Zahlreiche Ausstellungen kann sie mittlerweile verzeichnen, zwei Mitglieder*innen hatten im Wintersemester 2021/2022 einen Lehrauftrag an der Universität der Künste Berlin. Inwiefern das Krawall-Image der Gruppe auch in Zukunft noch Bestand hat, wird sich zeigen müssen. Ob mit weiteren Aktionen der Gruppe zu rechnen ist? „Spendet der Frankfurter Hauptschule viel Geld und kauft unseren Merch. Wir werden euch dafür bestrafen“, sagt der Sprecher optimistisch.

 

Im November betritt die Frankfurter Hauptschule nun auch die Theaterbühne. Ihr Stück 2×241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger gewann den Heidelberger Stückemarkt und wird am 20.11.25 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt.

Titelbild und alle weiteren Bilder im Text: © Frankfurter Hauptschule