Wie beschreibst du deine Kunst einem 5-jährigen Kind?
Ich mache Skulpturen, Zeichnungen und schreibe Texte. Wenn ich Skulpturen mache, arbeite ich häufig mit Ton. In dieses Material ritze ich dann beispielsweise Zahlen oder Buchstaben oder ich forme daraus Finger und Füße. Beim Schreiben versuche ich, Lebensereignisse zu beschreiben, die zum Beispiel von Geburt, Tod oder von Familie erzählen. Oft entstehen die Skulpturen, Zeichnungen und Texte gleichzeitig bzw. beeinflussen sich gegenseitig. In einem Buch von mir schreibe ich zum Beispiel über einen Ziegelstein, den Kinder aus einem Haus herausgenommen und mir anschließend geschenkt haben. Diesen Ziegelstein habe ich später dann aus Ton geformt, mit sichtbaren Spuren meiner Finger – so, als hätten die Kinder aus meiner Erzählung diesen Stein genommen und mir gegeben.
Sophie Aigner, Außendran II, 1/2023. © Marlene Zoe Burst
Welches Material spricht am meisten zu dir?
Ich arbeite in letzter Zeit häufig mit Ton. Im Ton hinterlässt jede Fingerbewegung Spuren und dadurch kann ein unmittelbarer Dialog zwischen Körper und Material entstehen. Fingerabdrücke, Kerben, Druckstellen – der Ton speichert alles. Insofern kann eine Arbeit nicht nur das Endergebnis zeigen, sondern auch den Weg dorthin. Beim Brennen verwandelt sich das weiche Material dann in etwas Dauerhaftes. Diese Metamorphose von vergänglicher Geste zu haltbarer Form hat, wie ich finde, eine starke Symbolik: Spuren werden fixiert, Zufälliges wird zu Beständigem und Fragiles wird robust.
(l) Sophie Aigner, I want to carve the message in stone 22A, 2025. © Sophie Aigner
(r) Sophie Aigner, I want to carve the message in stone 11, 2025. © Sophie Aigner
Gibt es ein Thema, das du immer wieder wiederholst?
In meiner Arbeit beschäftige ich mich immer wieder mit der Frage, wie Vergängliches bewahrt und sichtbar gemacht werden kann. Besonders interessieren mich jene körperlichen Restspuren, die Lebensereignisse – oft beiläufig oder unbewusst – in Materialien hinterlassen und damit Erinnerung sichtbar machen. Darüber hinaus interessieren mich Piktogramme, Zeichen und Gesten als Formen zwischenmenschlicher Kommunikation. Für mich sind das verdichtete Momente eines Dialogs, die über kulturelle und sprachliche Grenzen hinaus Bedeutung haben können. Sie besitzen eine Art Skizzenhaftigkeit, die ich grundsätzlich als Stilmittel sehr mag.
Sophie Aigner, Ausstellungsansicht I want to carve the message in stone, Galerie Oel-Früh Hamburg. © Edward Greiner
Was war zuletzt die interessanteste Reaktion auf deine Kunst?
In meiner Ausstellung I want to carve the message in stone sagte eine Besucherin, dass sie die Wandarbeiten erotisch findet. Tatsächlich interessierte mich in dieser Ausstellung unter anderem, Formdialoge zu zeigen, die sich mitunter an Silhouetten und Rundungen des menschlichen Körpers anlehnen, ohne jedoch diesen abzubilden – Dialoge im Übergang zwischen Anziehung und Auflösung. Ich hätte aber nie gedacht, dass jemand darin etwas Erotisches sehen kann.
(l) Sophie Aigner, Die lieben Beiden 3. © Sophie Aigner
(r) Sophie Aigner, Die lieben Beiden 2. © Sophie Aigner
Von welchem Kunstwerk warst du das letzte Mal ergriffen?
Der Roman Das Badezimmer von Jean-Philippe Toussaint.
Wo würdest du gerne mal ausstellen?
Ich würde gerne einmal in einer aufgerissenen Straße mit Baugrube ausstellen – einer Baugrube, in der Kabel, Leitungen und Wasserrohre zu sehen sind. Ich stelle mir vor, wie in die Erdschichten Fächer gegraben werden, in denen dann die Arbeiten stehen und lehnen, ähnlich einer fiktiven Ausgrabungsstätte. Gleichzeitig interessieren mich auch institutionelle Räume wie Museen, die thematisch anders gelagert sind als zeitgenössische Kunst, eine Gipsabguss-Sammlung etwa. Wenn zeitgenössische Kunst in solche Räume tritt, können Überschneidungen und unerwartete Verbindungen zwischen unterschiedlichen Zeiten, Bedeutungen und Materiallogiken entstehen. Auch in solch einem Raum würde ich gerne einmal ausstellen.
Welchen Beruf hättest du in einem anderen Leben gerne ausgeübt?
Wahrscheinlich hätte ich wieder dasselbe gemacht, aber ich wäre manches anders angegangen. Als ich sechzehn war, wollte ich unbedingt die Schule abbrechen und Restauratorin werden. Ich habe dann damals mit Restaurator*innen gesprochen, die meinten alle: erst Schule fertig machen. Heute könnte ich mir das gut vorstellen, als Money Job alte Kunstwerke zu restaurieren.
Was war neben deiner künstlerischen Tätigkeit der bemerkenswerteste (Neben-)Job, in dem du gearbeitet hast?
Einen Sommer lang habe ich alle Hallen- und Freibäder in Berlin getestet. Ich hatte eine Liste mit Fragen: Wie freundlich ist die Bedienung am Kiosk? Wie sauber ist die Sauna von 1–10? Gibt es Klopapier?
Mit welchen 3 Persönlichkeiten (tot oder lebend, real oder fiktiv) würdest du gerne zu Abend essen?
Ich würde gerne meine beiden Großeltern treffen – sie waren bei meiner Geburt bereits tot bzw. starben, als ich noch sehr klein war, sodass ich keinerlei eigene Erinnerungen an sie habe. In meiner Familie wurde oft gesagt, ich würde meiner Großmutter väterlicherseits ähneln. Vielleicht gerade deshalb wünschte ich mir, sie tatsächlich kennenzulernen: nicht über Erzählungen, sondern im direkten Austausch, bei einem gemeinsamen Abendessen, das es so nie geben konnte.
Wer ist dein Vorbild?
Alle Frauen, die zugleich Mütter und Künstlerinnen waren oder sind – oder die im weiteren Umfeld der Kunst gearbeitet haben. Frauen, die ihre künstlerische Praxis trotz struktureller Hürden, Care-Arbeit und gesellschaftlicher Erwartungen weitergeführt haben.
Sophie Aigner, Alright it means something 1/4, 2020 © Sophie Aigner

