Hybrid Project Space: Die Blase platzen lassen

Hybrid Project Space setzt der exklusiven Basler Kunstszene radikale Offenheit entgegen. Das Kollektiv entwickelt inklusive, gemeinschaftsstiftende Formate, die Machtstrukturen hinterfragen, Begegnungen auf Augenhöhe ermöglichen und das Museum zu einem Ort machen, an dem sich alle willkommen fühlen. Lesezeit: 5 Minuten

Die Kunstwelt in Basel ist klein. Eine Bubble von Menschen, die sich in vielerlei Hinsichten ähnlich sind. Sie sprechen – wie so oft in Bubbles – eine Sprache, die schwer zu verstehen ist, wenn man die Codes nicht kennt. Hybrid Project Space möchte die Blase platzen lassen. Oder vielmehr: Das Kollektiv will den Kreis der Eingeweihten und Eingeladenen vergrößern, neue Ein- und Ausgänge hinzufügen und ausgrenzenden Mechanismen mit einer Willkommenskultur begegnen. Können Museen so ein bisschen mehr Wohnzimmer und ein bisschen weniger vereinzelte, fragile Seifenblase werden?

Um zu verstehen, wo die eigene Bubble anfängt und wo sie endet, hat das Kollektiv 2023 eine öffentliche Befragung durchgeführt: Was kann Inklusion, Exklusion und Diversität bedeuten? Daraus entstand das Büchlein „This is not a Guidebook“. Es ist ein Werkzeug, um die hermetischen Grenzen – nicht nur der Baseler – Kunstwelt zu durchlöchern und passt mit seinem kleinen Format in fast jede Hosentasche. „Do you get it*? Does it speak for itself*? (*the art)“,  fordert es die Lesenden heraus, gibt Handlungsanweisungen wie: „Touch the art*. (*this is not a guidebook). Did you really touch it?“ oder fragt fürsorglich: „What do you need right now? Fries? Take a selfie? Relax? Check social media? Coffee? Silence? Swipe on Tinder? Fresh air? Something to read?“ 

Viele der Fragen richten sich auf das Machtungleichgewicht, das oft in Kultureinrichtungen herrscht: Musstest du Eintritt bezahlen? Wer kann nicht mit rein? Wem gehört eigentlich das Ausstellungsgebäude? Ist der Kunstmarkt der „größte legale Schwarzmarkt der Welt“? Das Handbuch, das keines ist, fängt das Ungleichgewicht auch auf. Zum Beispiel, indem neuere Begriffe wie „BIPoC“, „womxn“ oder „queer“ in einfachen Worten erklärt werden. Memes des*der Künster*in Cem A. alias @freeze_magazine ergänzen die Publikation. In beinahe unverschämter Mühelosigkeit bringen sie doppelte Standards und strukturelle Benachteiligungen auf den Punkt.

 

Hybrid Project Space: Serving Questions © Jana Jenarin

 

Aus zwei mach’ sechs

Hybrid Project Space, das sind sechs Personen aus so verschiedenen Bereichen wie Wirtschaftspsychologie und Kunstvermittlung, Kulturjournalismus, Architektur und PR. Ananda Jade und Laura Schläpfer haben das Projekt zu zweit gestartet. Schnell haben sie gemerkt, dass ein neuer Blick auf die Kulturszene in Basel und anderswo noch mehr Perspektiven braucht. Es kamen Gourav Neogi, Nahom Mehret, Semaya Mehret und Edward Wang hinzu. Das Team arbeitet bisher hauptsächlich ehrenamtlich. Eine sichere finanzielle Basis müssen sich die Mitglieder, die zum Teil noch studieren, durch Lohnarbeit in anderen Bereichen schaffen. Diese finanzielle Prekarität ist im Kunst- und Kultursektor alltägliche Realität. Sie macht es für viele Menschen ungleich schwerer, sich am kulturellen Geschehen zu beteiligen. Gleichzeitig erhöht sie direkt die kreative Handlungsmacht privilegierterer Menschen. Zeit wird kostbarer, je mehr man davon für die Sicherung der eigenen Existenz aufbringen muss. Wie kann man den Mühlen des freien (Kunst-)Marktes und den alteingesessenen Strukturen etwas entgegensetzen, ohne selbst davon aufgerieben zu werden? 

 

Hybrid Project Space: Serving Questions © Jana Jenarin

Langsamkeit als widerständige Praxis

Anlässlich der Ausstellung When We See Us: A Century of Black Figuration in Painting organisierte das Kollektiv 2024 mit dem Kunstmuseum Basel eine dreiteilige Vermittlungsreihe namens „Serving Questions“. Sechs ausgewählte Gäst*innen, darunter Ann Mbuti, Mohamed Almusibli und Yuvviki Dioh, wurden als Expert*innen eingeladen. Das Setting war für Museen höchst untypisch: Bei Speisen und Getränken saßen die Teilnehmenden gemeinsam an einer langen Tafel. Dort kamen alle auf Augenhöhe ins Gespräch, statt durch ein Podest getrennt zu sein. Der Tisch war mit einer bunt bestickten Tischdecke geschmückt, die das Kollektiv zuvor unter der Anleitung von Ieva Zuklyte getuftet hatte. Viele, vielleicht sogar die meisten Menschen fühlen sich nicht in Museen zuhause. Deshalb bietet z. B. auch die Tischdecke einen kleinen Halt in der ungewohnten Umgebung – sie lädt mit ihren weichen, farbenfrohen Fäden die Finger der Besuchenden zum Herumspielen ein. Dann werden die Fragen serviert: Mal auf Teller geschrieben, mal auf Servietten gestickt. 

Hybrid Project Space versucht sich bei der Arbeit Zeit zu lassen. In monatlichen Meetings und Check-Ins besprechen die Mitglieder, was in der Baseler Kunstszene und in der Welt passiert. „In diesen Meetings diskutieren wir viel – ein slow process, slow practice. Es ist ein Prozess, der dem Corporate Arbeitsumfeld, in dem viele von uns tätig sind, so gar nicht entspricht.“ Deshalb gestaltet das Kollektiv im Jahr zwei bis drei wohldurchdachte Events, statt unter Zeitdruck eine Vielzahl von Projekten voranzutreiben. Zu einer Praxis, die sich der Verwertungslogik des Kunstbetriebs entzieht, gehört auch, die eigenen Grenzen zu wahren. Eine dieser Grenzen besteht für das Kollektiv darin, sich nicht von Institutionen tokenisen zu lassen. Das ist oft eine Gratwanderung, gerade wenn hohe Honorare geboten werden, denn gute Bezahlung ist im Kultursektor eben eher rar gesät. Das Kollektiv wägt deshalb stets ab: Steht hinter den Angeboten ein echter Wille zur Zusammenarbeit oder sollen die Mitglieder von Hybrid Project Space selbst zur Foto-Op werden, zum Häkchen, das die Institution dank ihrer unter den Punkt Diversity setzen kann?

Hybrid Project Space, Kunsttage Basel 2024 © Jana Jenarin

 

Offene Türen sind auch zum Rausgehen da

Wie also plant man, wie denkt man ein inklusives Event, das gleichzeitig nicht nur Labels verteilt und versucht, eine Agenda abzuhaken? Ananda denkt dafür zum Beispiel an ihre Oma. Ihre Großmutter bietet für sie einen Anhaltspunkt dafür, was Menschen bei einer Veranstaltung von Hybrid Project Space brauchen könnten. Barrierefreie Zugänge zum Beispiel oder eine höhere Raumtemperatur, gute Akustik, größere Schriftarten und gut verständliche Formulierungen. „Meine Großmutter muss jetzt keine Ahnung von irgendwelchen Kunst- und Kulturthemen haben. Aber sie fühlt sich wohl, weil sie einen Tee bekommt oder weil sie im Museum essen kann und einfach die Stimmung gut findet.“ Wichtig sind dem Kollektiv nicht zuletzt offene Türen. Denn wirklich entspannt und eingeladen fühlt man sich auch in einer Bar oder einem Wohnzimmer nur, wenn man den Ort mit Menschen teilen kann, die einem lieb sind. Und wenn man ihn auch jederzeit problemlos verlassen kann, ohne sich schlecht zu fühlen. 

 

Hybrid Project Space, Kunsttage Basel 2024 © Jana Jenarin

Titelbild: Hybrid Project Space © Jana Jenarin