Der AI Slop von Pierre Huyghe: Wie „Liminals“ unabsichtlich die Diskussion um AI-Kunst verändern könnte

Nachdem unsere Autorin die Pressevorbesichtigung der Ausstellung von Pierre Huyghe (ja, der mit dem Hund mit dem pinken Bein bei der Documenta13) in der LAS Art Foundation in der Berliner Halle am Berghain besucht hatte, musste sie erstmal in ihr Telefon schimpfen und eine Instagram Story posten. Lesezeit: 7 Minuten

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals zuvor so viele Nachrichten als Reaktionen auf eine Instagram Story bekommen habe. 

Das war der Text:

„I have just been to the press preview at the LAS Foundation in Berlin: Pierre Huyghe’s Liminals. The exhibition opens tonight. I get it. At some point, artists become so big that they can get away with everything. And with big names, it’s easier to secure funding, and so on.

But what is this?

First, and most importantly: it’s not a “human-like figure,” as the exhibition text claims. It’s clearly a female body. A female body that has given birth before. What is missing is the face. Instead of a face, there’s a black hole. So, what happens? For about 50 minutes, we watch this naked female body crawl around a landscape that might have sprung from Elon Musk’s Mars fantasy. The climax — which most people won’t see because it’s toward the end: the female face, you remember, the black hole, penetrates a massive stone. I’ll leave you with this.“

Ende meiner Instagram Story. Nun, viele Leute waren verstört und wütend. Es kamen Kommentare wie „shocking, very violent“, sie haben das Werk misogyn genannt. Die meisten Leute haben aber einfach „wtf“ und „Ich hasse es“ kommentiert. 

Einige Tage später treffe ich eine Freundin, die aus London nach Berlin gekommen ist, um sich die Ausstellung anzusehen. Sie nennt sich selbst eine große Bewunderin von Pierre Huyghe. Sehr hohe Erwartungen habe sie deshalb an den Künstler. Während sie also 50 Minuten lang den Film angeschaut hat, hat sie darüber nachgedacht, was daran interessant sein könnte. Am Ende kam sie dann doch zu dem Schluss, dass sie nur Entschuldigungen finden würde, und als der Film vorbei war, habe sie sich entschieden, dass das richtige Wort dafür misogyn sei. 

Pierre Huyghe, Liminals, 2025. Filmstill. In Auftrag gegeben von LAS Art Foundation und Hartwig Art Foundation.
Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers. © Pierre Huyghe / VG Bild-Kunst, Bonn, 2026.

 

Wie man sich vorstellen kann, war die Pressevorbesichtigung sehr gut besucht. Es waren alle da, von der New York Times bis Monopol. Mit einer Autorin, die einen sehr bekannten Kunst-Podcast hostet, habe ich Witze darüber gemacht, dass es doch lustig wäre, den Künstler zu fragen: Warum ein Frauenkörper? Sie erzählte mir, dass der Künstler die Einladung abgelehnt habe. Nun, jemand anderes konnte die Frage stellen. Laura Helena Wurth hat eine Besprechung der Ausstellung für die Frankfurter Allgemeine Zeitung geschrieben: 

„Auf Nachfrage erzählt Huyghe, dass er natürlich lieber einen nackten Frauenkörper ansehe, aber dass das sicherlich nicht der Grund sei, warum er sich für seine Darstellung entschieden habe. Es handele sich vielmehr um einen Stellvertreter als um einen Frauenkörper; er sei eigentlich geschlechtslos.“

Das ist die Antwort, die man an dieser Stelle natürlich erwartet. Dem heterosexuellen Mann macht es selbstverständlich mehr Freude, einen nackten Frauenkörper anzusehen (man möchte gar nicht wissen, wie lange der Künstler mit seinem Team daran gearbeitet hat) als einen Männerkörper. Aber bitte, wenn man dem Frauenkörper dann sogar eine Kaiserschnittnarbe hinzufügt, zu behaupten, dass der Körper geschlechtslos sei? Und die ausstellende Institution geht da dann auch noch mit? 

Einen Mann hätte man sich ja noch gefallen lassen können, da wäre vielleicht die Schöpfungsgeschichte irgendwie erklärend zu Hilfe gesprungen, aber so? Kein Gesicht, ein Frauenkörper, völlig entpersonalisiert. Der Höhepunkt des Films: die Penetration, mit dem Loch im Gesicht – wir erinnern uns –, eines Gewölbevorsprungs. Die Szene hat sich, glaube ich, sogar wiederholt. 

Da kommt nun also einiges zusammen: großer Name, großer Screen, große Halle und ein vermutlich sehr großer Fundingtopf. Nicht zu vergessen, irgendwas mit Quantum und KI. Und es reicht offenbar, einen Film auf einer sehr großen Leinwand in einer sehr viel größeren Halle zu zeigen, um etwas eine Ausstellung nennen zu können. 

Vielleicht ändert diese Ausstellung die Diskussion um AI Slop und AI-Kunst. Denn am Ende – und am Anfang – sind es immer noch Menschen, die Kunst machen und Entscheidungen treffen: Menschen sagen der Maschine, was sie schaffen soll. Menschen entscheiden, ob es mit etwas weitergeht, das die Maschine geschaffen hat oder ob man es verwirft. Und Menschen entscheiden, was in Ausstellungen gezeigt wird. Was ja interessant ist, denn im aktuellen Diskurs meint AI Slop: massenhaft produzierte Inhalte, belanglos, inhaltsleer. Titus Blome hat gerade für Die Zeit über AI Slop geschrieben und beschreibt sehr schön, was landläufig darunter verstanden wird. 

Nicht nur 24/7 ins Netz gespülte Inhalte sind AI Slop. Auch ein großer Künstler kann mit exorbitantem Budget AI Slop produzieren: belanglose und inhaltsleere, mit AI geschaffene Kunst. Es ist an der Zeit, dass sich mit dem Thema AI und Kunst differenzierter befasst wird und Institutionen nicht alles gutheißen, was die großen Namen (mit AI) schaffen. 

Ich frage mich, was man sich als „forward-thinking arts organisation“ gedacht hat, als man den Film gesehen hat, und wie man von dort aus zu diesem Ausstellungstext gekommen ist. Und was man dachte, was an diesem Film interessant sei und wieso man dann diesen Film auch noch in Berlin in der kalten Halle präsentieren muss. 

Wir müssen ganz sicher nicht daran erinnert werden, wie schlimm die Welt zugrunde gerichtet wird und wie trostlos alles erscheint. Wir müssen noch weniger daran erinnert werden, dass nicht einmal im digitalen Raum Frauenkörper von männlichen Gewaltfantasien verschont bleiben. 

Vor wenigen Tagen teilte Marc Spiegler in seiner Instagram Story dieses Posting: „Men are using smart glasses to secretly film women.“ Sein Kommentar dazu: „And they are inherently creepy. This will just make more people isolate from each other.“ Und hier ist die Creepiness auf dem großen Bildschirm, ohne Triggerwarnung. 

Die Zeit veröffentlichte schon einen Tag vor dem Opening den Text von Tobias Timm mit einer großartigen Überschrift: „Nie war Künstlers Kopf so leer.“ Im Untertitel war von „Brimborium„ und „Edelkitsch“ die Rede. Im Text dann das Urteil, so gnadenlos wie der Künstler mit dem Körper der Frau umgeht: „Ein Kopf ohne Hirn und Gesicht: ein Sinnbild für die derzeitige Schaffensphase von Pierre Huyghe. Mit größtmöglichem Aufwand produziert er absolute Hohlheit.“

Die Fondation Beyeler zeigt übrigens pünktlich zur Art Basel in diesem Jahr eine große Pierre Huyghe-Ausstellung. Als Ankündigungsbild wird natürlich der Kopf mit dem schwarzen Loch verwendet. Ich bin gespannt, ob bei der Fondation Beyeler jemand auf die Idee kommt, dem Künstler zu sagen, dass sein Film misogyn ist. Zeit wäre ja noch, die neueste Fassung von Liminals zu überarbeiten. Ah, Moment, dafür würde dann vermutlich wieder ein großer Förderungstopf benötigt werden …

Hinweis: Der Text ist zuerst im Substack-Newsletter der Autorin erschienen.

Titelbild: Pierre Huyghe, Liminals, 2025. Filmstill.
In Auftrag gegeben von LAS Art Foundation und Hartwig Art Foundation. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers.
© Pierre Huyghe / VG Bild-Kunst, Bonn, 2026.