Es kann schwierig sein, Wörter für Kunst zu finden. Man kann die Kunst mit Worten nur umkreisen, einkreisen, ihr einen Rahmen geben, Lesarten vorschlagen. Es liegt in der Natur der Sache, dass zwischen Text und Gegenstand eklatante Lücken aufreißen. Deswegen liegt die Herausforderung im Schreiben über Kunst auch darin, eine Geschichte um die Kunst zu erzählen, sie mit einem Kontext auszustatten. So zumindest meine Auffassung.
Es wird immer ein Rest Unverstandenes bleiben, etwas, das sich jeder konkreten Beschreibung entzieht und das trotzdem mehr ist als lediglich ein Gefühl. Es ist etwas Diffuses, etwas Waberndes; etwas, das für jeden etwas anderes ist. Umso interessanter ist es, dass einem oft das Wort „präzise“ begegnet, wenn man sagen möchte, warum ein Kunstwerk sehr gut ist. Der Satz dazu lautet: „Das ist wirklich eine sehr gute Arbeit, sie ist so unheimlich präzise.“
Auch ich habe, das muss ich zugeben, diesen Satz schon in Situationen verwendet, in denen ich schnell etwas über die gerade betrachtete Kunst sagen musste, aber wirklich nichts Schlaues oder auch nur halbwegs Durchdachtes zu sagen hatte. Wenn man da mit einem Glas in der Hand vor einer flimmernden Videoarbeit steht, von der man zwischen Begrüßungsgesten vielleicht ganze 30 Sekunden mitbekommen hat, kann man diesen Satz ganz hervorragend verwenden. Es wirkt, als hätte man etwas Geheimes verstanden, das nun sehr präzise ausgedrückt werden würde. Was genau dabei präzise ausgedrückt wird, bleibt jedoch vollkommen unklar. Es fragt aber auch niemand weiter nach, warum das jetzt präzise oder was genau da eigentlich besonders präzise beschrieben würde. Allein das Wort verwendet zu haben, wirkt, als wüsste man, wovon man spricht.
Es ist eine Leerstelle, die in keiner anderen Form der Kulturproduktion hingenommen wird, die man mit dem Wort „präzise“ beschreiben kann. Und trotzdem ist es mehr als nur ein Füllwort, das ohne Bedeutung wäre. Der Duden sagt, dass „Präzision“ folgendes bedeutet: Eindeutigkeit, Klarheit, Genauigkeit. Also genau das, was Kunst eigentlich nie sein kann und wohl auch nicht sein will. In der Eindeutigkeit geht die Kunst zugrunde. Zumindest denkt man das seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Das Konzept, dass Kunst uneindeutig zu sein hat, ist in der Moderne entstanden, als sie sich ihre Autonomie erkämpfte und begann, unabhängig von Aufträgen und Mäzenen zu entstehen. Viele große Denker, die heute gern noch zitiert werden (Adorno, Rancière, Novalis, u.v.m.) fanden, dass Rätselhaftigkeit, Uneindeutigkeit und Ambiguität Haupteigenschaften der Kunst seien. Zum einen garantiert sie ihre Unabhängigkeit, weil sie nicht mehr politisch zu vereinnahmen ist, zum anderen kann sie alles und gleichzeitig nichts sein. Also alles in allem das Gegenteil von präzise, genau oder eindeutig.
Die Kunsthistorikerin Verena Krieger zitiert in ihrem Text „Strategische Uneindeutigkeit“ dazu Adorno folgendermaßen: „Ambiguität ist […] die höchste Form eines wahren Engagements der Kunst.“ Womöglich ist mit der „Präzision“ demnach auch gemeint, dass jemand dem Uneindeutigen sehr, sehr nah gekommen ist. Jemand hat also einen sehr präzisen Ausdruck für etwas gefunden, das in seiner Anlage bereits uneindeutig ist und niemals wirklich präzise sein kann. Deswegen ist die Kategorisierung „präzise“ für Kunst dann am Ende wohl doch passend. Weil sie in ihrer Verwendung noch einmal deutlich macht, dass Kunst genau das eben, in heutiger Zeit, nie sein kann und auch nie sein will.
Insofern: Wenn das nächste Mal jemand oder man selbst etwas sehr „präzise“ findet, dann kann man sich bewusst sein, dass es das mit Sicherheit nicht ist. Aber auch, dass es eben darum wohl besonders präzise ist. Und vielleicht liegt genau darin die Freude am Sprechen und Schreiben über Kunst: Dass man dem Gegenstand der Berichterstattung zwar auf die Schliche kommen kann, aber akzeptieren muss, dass es immer einen Rest Geheimnis gibt, etwas, das im Unverstandenen lauert und das man aushalten muss. Und man muss auch aushalten, dass hinter dem Aushalten der eigentliche Versuch des Erfassens erst beginnt. Wenn man sich also vor einem Bild, einem Video, einer Performance wiederfindet, ein Glas in der rechten Hand, eine entfernte Bekanntschaft im linken Arm und hastig gefragt wird, was man zu dem Bild, dem Video, der Performance denkt, dann kann man frohen Mutes sagen „Das ist wirklich eine sehr gute Arbeit, sie ist so unheimlich präzise“, ohne zu befürchten, dass man ein schrecklich leeres Füllwort verwendet hat, um die Unausgegorenheit der eigenen Gedanken zu kaschieren. Denn vielleicht eröffnet genau das erst den Freiraum, in dem man wirklich über das Wabernde und Wilde, das Kunst sein kann, nachzudenken beginnt.

