Crispy Critic’s Picks: Die Rom-Quadriennale

Die 18. Quadriennale di Roma mit dem Titel „Fantastica“ erzählt von der Kunst in Italien in den ersten fünfundzwanzig Jahren des 21. Jahrhunderts. In fünf Sektionen gegliedert und von fünf Kurator*innen gestaltet, zeigt sie die Komplexität der unterschiedlichen Untersuchungswege der italienischen künstlerischen Forschung auf – zwischen Malerei, Skulptur, Performance und Videokunst.

Das Selbstporträt: Marta Spagnoli, Scavenger (2025)

Die erste Sektion, kuratiert von Luca Massimo Barbero, ist dem Selbstporträt gewidmet. Unter den Werken, die Identität und die Ambivalenz der Selbstrepräsentation erforschen, wecken besonders die Autoritratti (Scavenger) von Marta Spagnoli mein Interesse.

Im Zentrum der Malereien steht eine tierische Figur, die durch den Titel als Aasfresser erkennbar wird. Die Farbmasse ist durch kräftige Pinselstriche und lebhafte Farben bestimmt, wodurch eine starke Dynamik entsteht. Die Ambivalenz liegt in der Wahl des Motivs: Ein Aasfresser ist ein fleischfressendes Tier, das sich hauptsächlich von Fleisch ernährt, das von Tieren stammt, die entweder eines natürlichen Todes gestorben sind oder von einem anderen Fleischfresser getötet wurden. Auch wenn dieses Konzept allgemein eher negative Konnotationen hat, spielen Aasfresser in der Natur eine wichtige Rolle, da sie organisches Material zersetzen und es als Nährstoffe wieder in das Ökosystem zurückführen.

Marta Spagnoli, Scavenger (2025). Foto: Maria Vittoria Maiello

Ein Zimmer für sich allein: Lorenzo Vitturi, En Camino (2025)

Der Titel der zweiten Sektion, kuratiert von Francesco Bonami, stammt aus dem Essay von Virginia Woolf. Trotz der offensichtlichen Unterschiede zwischen Stilen, Medien und Motiven der ausgestellten Werke erkennt der Kurator bei allen Künstler*innen das Bedürfnis nach der Schaffung eines eigenen Raums, also eines Zimmers für sich allein. En Camino (auf Spanisch „auf dem Weg“) ist eine skulpturale Installation von Lorenzo Vitturi, die familiäre Erinnerung und künstlerische Aneignung miteinander verknüpft. Vitturi zieht mit seinen skulpturalen Webereien die Reise seines Vaters von Venedig bis Peru nach, wo dieser hinreiste, um eine Murano-Glasfabrik zu eröffnen. Die Verwendung verschiedener Materialien veranschaulicht die Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Kulturen: Das geblasene Glas ist typisch für Venedig, das Garn stammt aus Peru.

Lorenzo Vitturi, En Camino (2025). Foto © Fondazione La Quadriennale di Roma

Die Zeit der Bilder: Francesco Jodice, Rivoluzioni (2019)

Die Sektion „Die Zeit der Bilder“ stellt fotografische und filmische Werke aus. Das Ziel der Kuratorin Emanuela Mazzonis di Pralafera ist es, die Entwicklung dieser Medien im 21. Jahrhundert in Italien darzustellen. Sie fragt: Wie reagiert die Kunst auf die große Menge von Fotos, Selfies, Memes, Reels und Instagram-Stories, die unsere Wahrnehmung überfordern? Eine Antwort kommt aus dem Film Rivoluzioni von Francesco Jodice. Eine Mischung aus Filmausschnitten, Stimmen und Bildern erzeugt einen imaginären Dialog zwischen Persönlichkeiten aus fernen Epochen, Kulturen und Regionen. Als filmisches Rätsel fordert er den Zuschauer zum Nachdenken über die Szenen und zur Entschlüsselung der Botschaft auf.

Francesco Jodice, Rivoluzioni (Filmstills, 2019)

Ohne Titel: Luca Bertolo, Compianto (2024)

Francesco Stocchi schlägt kein einziges Thema für die vierte Sektion der Quadriennale vor. Daher lässt sich „Ohne Titel“ von den Künstler*innen sowie den Besucher*innen definieren. Auch wenn die Sektion als ein neues kuratorisches Experiment präsentiert wird, spielt die figurative Malerei weiterhin eine wichtige Rolle. Compianto von Luca Bertolo greift die italienische Kunstgeschichte auf stilistischer und historischer Ebene wieder auf. Einerseits erinnert mich der Stil an die Malerei der 1980er Jahre, insbesondere an Graffiti und die Transavanguardia. Andererseits entschied sich Bertolo für das Thema der Beweinung Christi, das häufig in der italienischen Malerei des 15. Jahrhunderts dargestellt wurde. Auf der rechten Seite des Bildes finden sich zwei weibliche Figuren, die direkt aus der Beweinung Christi von Niccolò dell’Arca (1463) stammen. Der kunstgeschichtlichen Aneignung schadet dabei das Pop-Detail des traurigen Kaninchens nicht.

 Luca Bertolo, Compianto (2024). Foto: Maria Vittoria Maiello

Der unfertige Körper: Camilla Alberti, Simbionemon. The Agency of Chimeric Becoming (2025)

Die letzte Sektion ist von Alessandra Troncone kuratiert und widmet sich der Beziehung zwischen Technologie und Biologie. Insbesondere hinterfragen die Künstler*innen hier den Einfluss der Genforschung auf unsere Identität. Eine besondere Aufmerksamkeit für Phänomene wie Hybridisierung und Mutation kennzeichnete bereits den Posthumanismus der 1990er Jahre, doch im Jahr 2025 stehen die Auswirkungen technologischer Biogenetik auf die ökologische Zukunft im Mittelpunkt. Die Skulptur Simbionemon von Camilla Alberti stellt ein hybrides Wesen aus weggeworfenen sowie natürlichen Elementen dar. The Agency of Chimeric Becoming geht aus einer Mischung von Ringelblumen- und Muschelpulvern, Sand, Zellulose, Kartoffel- und Erdpigmenten hervor. Die Spuren von Organismen fügen sich so zu einer lebenden Form zusammen, die der organischen Dynamik und den damit einhergehenden Umwandlungen der sie bildenden Elemente unterliegt.

Camilla Alberti, Simbionemon. The Agency of Chimeric Becoming (2025). Foto: Maria Vittoria Maiell

Titelbild: Lorenzo Vitturi, En Camino (2025). Foto © Fondazione La Quadriennale di Roma