Uli Aigner verachtet Geschirrspüler. Dass die gebürtige Österreicherin sich nach langen Jahren der Weigerung schließlich doch ein solches Haushaltsgerät angeschafft hat, war laut eigener Aussage eine ihrer wenigen Kapitulationen der Gesellschaft gegenüber. Kein Wunder, könnte man denken. Eine Person, die wie sie ihr Leben dem Bearbeiten von Porzellan widmet, möchte nicht, dass ihre Werke von einem fühllosen Reinigungsgerät malträtiert werden. Doch Technikpessimismus liegt der Künstlerin fern. Sie war nicht nur eine der ersten Personen in Österreich, die eine Mailadresse hatte. Einer ihrer Professor*innen, Peter Weibel, hatte einen Commodore 64 – einen der ersten Heimcomputer, der 1982 auf den Markt kam. Auf ihm entwarf sie mit dem Programm KoalaPainter Designs für Mikrowellengefäße: „Für mich mit meiner Handwerkerseele war klar: Das ist ein neues Werkzeug. Das ist Ehrensache, das hast du zu lernen.“
Im Atelier von Uli Aigner. Foto © Uli Aigner
Als Tochter einer Winzerin und eines Schreiners wuchs sie auf dem Land in einer Großfamilie auf: „Ich hatte als junger Mensch noch nicht mal ‚Piep‘ gesagt und alle wussten scheinbar schon, wer ich bin und was ich bin und wie ich bin. Und das fand ich völlig befremdlich.“ Also geht sie mit 15 Jahren nach Wien, um dort eine Lehre zur Töpferin zu machen. Der Zufall, oder vielmehr die unbeirrbare Neugier, führt sie in die Nationalbibliothek am Heldenplatz. Obwohl das Haus groß und pompös aussieht, wagt sie sich hinein. Im Zettelkasten sucht sie unter der missmutigen Aufsicht der Bibliothekarin beim Buchstaben K nach „Keramik“. Dabei stößt sie auch auf K wie „Kunst“ und fängt an zu lesen. Wenige Jahre später beginnt sie an der Angewandten Universität in Wien in der Keramikklasse Produktdesign zu studieren. Im Definitionsgerangel zwischen Kunst und Handwerk sorgt sie seither mit großem Vergnügen für Unfrieden: „Kunst ist das, was nicht berührt werden darf. Und an dieser Grenze randaliere ich natürlich. Es gibt im Taoismus die Vorstellung, dass Kunst das ist, was dein Leben verändert. Und das möchte ich: Das Leben an sich verändern.“
Uli Aigner, Foto © Michal Kowakowski
2014 konzipierte sie das Projekt One Million: Eine Million Porzellan-Gefäße wird sie bis zu ihrem Lebensende fertigen, sie auf der ganzen Welt verkaufen und verschenken. „Wir Menschen dürfen eine lächerlich kurze Zeitspanne leben, 70, mit etwas Glück 100 Jahre. Durch das Internet ist in kürzester Zeit Wissen irrsinnig zugänglich geworden. Und deswegen synchronisiere ich das älteste Handwerk der Menschheit, nämlich das Gefäße-Machen, mit dem neuesten Handwerk der Menschheit, nämlich der Digitalisierung.“ One Million erschafft ein Netz, das sich um die ganze Welt spannt. Es ist ein lebenslanges, Generationen übergreifendes Projekt. Ihre Arbeiten müssen trotz des fragilen Materials nicht übermäßig schonend behandelt werden. Man soll sie anfassen, verwenden, sie dürfen kaputt gehen – dafür gibt es die 300 Jahre Garantie. Eine Erlaubnis, um die Ehrfurcht vor dem Objekt zu mildern. Die einzige Bedingung, an die sie die Garantie knüpft: Man muss ihr die Scherben zurücksenden. Dort kommen sie ins Archiv, in dem auch Eckdaten zu den einzelnen Besitzer*innen der Gefäße eingetragen sind.
ONE MILLION – Edition Artikel 13 – Deutsches Grundgesetz – Item 9811, Foto © Uli Aigner
Uli Aigners Tun hat auch eine ganz eigennützige Seite. Die Haptik des Drehens erlaubt ihr, mit sich selbst in Kontakt zu kommen, sich im Umgang mit dem feinen, feuchten Material zu fühlen. An der Drehscheibe lotet sie aus, wo die Grenzen ihrer Selbstkenntnis liegen: „Meinen Körper spüren kann ich. Aber wer ich bin, kann immer nur der andere sagen.“
Ihre Arbeit ist für Uli Aigner privat und politisch zugleich. Schnell wurde ihr als junger Frau bewusst, dass ihr männlich konnotierter – oder eher: geschlechtsneutraler – Name im Kunstbetrieb sehr hilfreich ist. Sie spricht über ihren normschönen Körper und darüber, wie sie die Vorteile, die er ihr beschert, als sich offenbarende Misogynie im Kunstmarkt erkennt. Immer wieder setzt sie Grenzen und entzieht sich den auch sexualisierenden Marktlogiken der Kunstwelt. In regelmäßigen Abständen liest sie Hannah Arendts Vita activa, jedes Mal steht etwas Neues für sie darin, offenbart sich ihr eine andere Bedeutungsebene. Wie Arendts Werk um den Menschen als Beziehungswesen kreist, stellt auch sie sich immer wieder die Frage: Wer bin ich? Wer sind die anderen?
(1) ONE MILLION by Uli Aigner, ITEM 3501, MONUMENTALES PORZELLANGEFÄSS, Foto © Marie Paul
(2) Uli Aigner, Foto © Lena Herzog
Als sie ihr erstes Kind bekommt, ist das für Uli Aigner eine Erleichterung: Endlich kreist ihr Leben nicht mehr nur um sie. Das Kind steht im Mittelpunkt, es braucht Nahrung, Trost, Nähe, Schlaf. Es will und sein Wollen steht über ihrem. Eine Reihe großformatiger Zeichnungen mit Buntstift auf Papier entsteht: Die Keimzelle des Staates. Darin verwinden sich in kräftigen Farben und klaren Formen die Körper der Familienmitglieder. Gleichzeitig bleiben große Flächen Weiß – Raum für Entwicklung, für Wachsen und ungelöste Fragen. Zum Beispiel: Wie ist man Mutter, ohne sich selbst zu Hausfrauisieren? Wie macht man Kunst, die Leben verändert und nahbar ist? Welche Kompromisse geht man als Keimzelle des Staates, als Kernfamilie ein? Geschirrspüler ja, Führerschein nein. In eine der Zeichnungen, Keimzelle des Staates 29 von 2004, hat sie ein großes Loch geschnitten: „Bei dem Loch in der Mitte geht es um die Fragwürdigkeit von Blutsbanden und was eigentlich im Zentrum der Familie liegt, die das Tor zur Welt sein sollte. Wir dachten uns: Blutsbande gibt es nicht, es ist, wie wir sozialisiert sind. Was für ein Milieu wir sind! Wenn wir schon verbunden sind, dann durch dieses spezifische Milieu, in dem wir alle feststecken als Familie.“
© Uli Aigner: Keimzelle des Staates 29, 2004. Collection Lentos Kunstmuseum, Linz.
Sie thematisiert mit ihren Werken die Macht, die unsere Herkunft hat und zeigt, wie Technik unseren Bezug zur Welt formt. Dass Technologien die Macht haben, uns mit uns selbst bekannt zu machen – und uns von uns selbst zu entfremden. Muss man Marx gelesen haben und das Wort ‚Milieu‘ durch ‚Klasse‘ austauschen, wenn man all diese Zusammenhänge auch durch die feine Textur von Porzellan zwischen den Fingern erfühlt? Es gibt laut Uli Aigner zwei Konstanten in der Menschheitsgeschichte: den menschlichen Körper und die Form, die ein Gefäß haben muss, damit man es mit den Händen zum Mund führen kann. Technik ist, dass wir unsere Suppe nicht aus der hohlen Hand essen. Ob sich das, was Uli Aigner tut, letztlich auf dem kapitalistischen Markt verkauft, ist ihr egal. So wie ihr im Produktdesign Studium egal war, ob auf der Mailänder Messe gerade Lila angesagt war.
Uli Aigner wird bei ato von Kunstagentin Norina Quinte vertreten.

