Man muss, wenn man zum Nita Mukesh Ambani Cultural Centre nach Mumbai kommt, alle Klischeebilder, die man über Indien im Allgemeinen und Mumbai im Besonderen mit sich herumträgt, über Bord werfen. Noch nicht einmal die Luft ist im Januar besonders heiß oder drückend. Sie ist erwähnenswert angenehm, eine leichte Brise weht über die leeren Straßen des Business Districts, manchmal segelt träge ein Blatt zu Boden. Außer mir sind ungefähr drei Autos auf der Straße, als ich vom Hotel hinübergehe. Alle anderen Menschen sind, davon muss man ausgehen, in den riesigen, klimatisierten Malls, Hotels und Bürotürmen, die hier dicht an dicht gebaut sind, untergebracht.
Das NMACC ist eher ein kulturelles Erlebniscenter als das, was man sich in Europa unter einer klassischen Kulturinstitution vorstellt. Es hebt sich auch deutlich von den anderen Institutionen Mumbais ab. Es ist größer und besser finanziert als die öffentlichen Museen und kann Ausstellungen beherbergen, die bestimmte klimatische oder technische Voraussetzungen benötigen. Es gibt in dem Gebäudekomplex mehrere Restaurants, Ballsäle und ganze drei Theater, und durch die Lobby ist schon mal ein Porsche gefahren, wie beim Rundgang erzählt wird. Warum? Weil es geht. Außerdem gibt es hier den größten Personenaufzug der Welt. Es geht darum, Superlative zu schaffen.
More is more
Erst 2023 von Nita Ambani, der Ehefrau von Mukesh Ambani, ins Leben gerufen, ist die noch recht junge Kulturinstitution auf internationalem Expansionskurs. Die Ambanis sind die reichste Familie Indiens. Mit einem in der Erdölindustrie aufgebauten Vermögen sind ihre Mitglieder regelmäßig auf den Forbes-Listen der reichsten Menschen der Welt vertreten. Falls man in der westlichen Welt zuvor nicht wusste, wer das ist, weiß man es spätestens seit der Hochzeit des jüngsten Sprosses der Unternehmerfamilie 2024, zu der neben anderen hochkarätigen Prominenten Rihanna und die Kardashians eingeflogen wurden und die zwischen 600 Millionen und einer Milliarde Dollar gekostet haben soll. Das sind die Nachrichten, die den Namen in die breite Presse heben. Aber im NMACC wird dennoch ein ambitioniertes, internationales Kultur- und Kunstprogramm vorangetrieben.
Neben der Kunst indischer Künstler*innen, die im gesamten Gebäude hängt, gibt es einen von nur rund 20 existierenden Infinity Rooms der Japanerin Yayoi Kusama, in den man eintauchen kann, um Instagram-taugliche Fotos von sich im Spiegelkabinett zu schießen. In dem Komplex ist außerdem das „Art House“ untergebracht, in dem jetzt der 1968 geborene Amerikaner Doug Aitken über drei Stockwerke eine Geschichte über Tradition, Technologie und Auflösung erzählt.
Doug Aitken, NEW ERA, 2018; Installationsansicht NMACC, Mumbai, India, 2025, Courtesy of the artist. Foto: Dhrupad Shukla/Floating Home Studio
Aitken arbeitet in verschiedenen Medien und sprengt immer wieder die engen Grenzen der Genres, in die man versucht, ihn einzuordnen. Oftmals arbeitet er mit Filmen, die so sauber und aufwendig produziert sind wie Hollywood-Produktionen und nicht selten das gleiche Personal, zum Beispiel Tilda Swinton oder Donald Sutherland, beschäftigen. In seiner Arbeit geht es darum, einen Ausdruck für das komplizierte und immer komplizierter werdende Verhältnis des Menschen zu seiner sozialen Umwelt und zur Natur zu finden. Von beidem entfernt und entfremdet man sich gleichermaßen und kaum jemand findet Bilder dafür, die gleichzeitig so fragil wie überwältigend sind, wie Aitken.
Zwischen Urknall und Auflösung
Die Ausstellung mit dem Titel Under the Sun ist – den drei Stockwerken entsprechend – in drei Teile gegliedert. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wenn man so will. Im ersten Stock gibt es von traditionellen indischen Webern geknüpfte Wandteppiche aus belgischer Wolle zu sehen. Aus ihnen formen sich geöffnete Hände, die Adern aus sattem Rot. Angelehnt an die wichtigsten Flüsse des Landes stehen fünf Boote auf Kieselsteinen – auf dem Trockenen – mitten im Ausstellungsraum. Vielleicht eine düstere Vorhersehung des versiegenden Wassers auf der Erde. Die Boote und die Webarbeiten, die man aus Aitkens Werk kaum kennt, werden um fünf Skulpturen von Menschen, die aus Holz gefertigt sind, ergänzt. Es scheint, als würden sie sich gerade noch aus riesigen Pixeln zusammensetzen, während man auf der anderen Seite bereits fertige Personen erkennt, die alle ein reales Vorbild haben. Für Aitken stehen sie jedoch universell für jeden Menschen auf der Erde. Deswegen verrät er nicht, wer genau die Figuren sind, die sich dort aus dem Holz schälen.
Über eine Treppe gelangt man in den zweiten Stock, in dem die Videoarbeit NEW ERA aus dem Jahr 2018 in einem dunklen, mit Spiegeln verkleideten Raum installiert ist. Alles wirkt dadurch überwältigend, groß und, was momentan oft gewollt ist: immersiv. In dem Video geht es um den ersten Anruf, der jemals mit einem Mobiltelefon getätigt wurde, und seinen Erfinder Martin Cooper. Man versinkt in den großen Bildern aus der Wüste, wo das Signal des Mobiltelefons übertragen wird, die sich hier ins Unendliche spiegeln.
Plötzlich versteht man die Tragweite der Erfindung des Mobiltelefons und wie nachhaltig sie das Leben aller Menschen beeinflusst hat, noch ein bisschen besser, ein bisschen umfassender. Denn während man dort in der Dunkelheit steht, umhüllt von den Bildern aus der Wüste, tastet die Hand in die Hosentasche, will ein Foto machen und sieht eine Nachricht aus Deutschland, die gerade darauf angekommen ist.
Doug Aitken, LIGHTFALL / OTHER WORLDS, 2025; Installationsansicht NMACC, Mumbai, India, 2025, Courtesy of the artist. Foto: Brian Doyle
Noch ein Stockwerk weiter kann man sich dann in dem, was in dieser Reihenfolge die Zukunft ist, ganz versenken. Tausende von LED-Leuchten hängen rund angeordnet von der Decke. Ihr Strahlen, das den nach außen abgedunkelten Raum in helles Licht taucht, ist mit einem extra komponierten, sphärischen Sound abgestimmt. Im Takt der Musik bewegt sich auch das Licht. Wandert von kaltweiß zu blau, zu pink. Wie Regen läuft es die hängenden LED-Leuchten entlang.
Abtauchen und aufsteigen
Während das erste Mobiltelefon und auch die ersten Smartphones noch wirkliche Errungenschaften waren, die Menschen näher zueinander brachten und das Leben erleichterten, muss man sich jetzt überlegen, ob man nicht dabei ist, sich im technischen Gerät selbst aufzulösen oder sich freiwillig davon verschlucken zu lassen. So wie manche Nutzer*innen wie Shrimps zusammengerollt über ihren Mobiltelefonen brüten, wirkt es fast, als wollten sie gänzlich in das Gerät hineinkriechen. Und mittlerweile schon seit Jahrzehnten gibt man seine Daten bedenkenlos ab und wird so zum Lieferanten für die großen Tech-Konzerne, die in den Daten das erkannt haben, was sie sind: das Gold des 21. Jahrhunderts. Denkt man so über diese immersive Installation nach, ist einem recht schnell gar nicht mehr so meditativ und friedlich zumute.
Die Ausstellung Aitkens ist Teil des Plans des NMACC, sich mit internationalen Künstler*innen und Institutionen zu verknüpfen. So arbeitet man immer wieder mit internationalen Gastkuratoren, in diesem Fall mit den Österreicherinnen Roya Sachs und Mafalda Kahane, die bereits 2024 eine große Ausstellung ausschließlich mit indischen Künstlern*innen auf den 1500 Quadratmetern Präsentationsfläche realisiert haben. Und gerade erst hat das NMACC eine fünfjährige strategische Partnerschaft mit den Museen in Katar zu Bildungsinitiativen in Museen unterzeichnet. Aller Wahrscheinlichkeit nach nur der Beginn einer dauerhaften Zusammenarbeit.
Gleichzeitig drängen indische Galerien auf den internationalen Markt und stärken ihre Positionen, indem sie sich gemeinsam organisieren. Es gibt ein Mumbai Gallery Weekend, um die Vielfältigkeit der Kunstszene zu zeigen. Seit 2023 findet außerdem eine internationale Kunstmesse in der Stadt statt: die Art Mumbai. Dort zeigen neben indischen auch auffallend viele internationale Galerien die Arbeit ihrer Künstler*innen. Das Interesse daran, sich international in der Kunstwelt zu vernetzen und als eigenständiger Akteur aufzutreten, scheint zunehmend wichtig zu werden. Gerade nach der Corona-Pandemie hat in Indien das ökonomische Wachstum rasant zugenommen, was sich unter anderem in dem wachsenden Interesse an zeitgenössischer Kunst zeigt. Gerade jetzt, wo der Blick der westlichen Kunstwelt sich weitet, lohnt es sich auch nach Indien zu schauen und zu sehen, wie sich die Kulturlandschaft dort entwickelt. Immerhin ist Indien mit 1,4 Milliarden Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Erde.

