Guilty Pleasure? Jovana Reisinger genießt ohne Schuldgefühle

Die Münchener Popkultur-Autorin erschafft eine Welt zwischen Prada-Taschen, Tussigkeit, Hochkultur und Freibadpommes. Kann man von ihr etwas über linke Politik lernen? Lesezeit: 6 Minuten

Mittagessen im Berliner Szene-Lokal Pinci. Ich treffe Jovana Reisinger, die mit ihrem Buch Pleasure und der Schaubühnen-Inszenierung ihres vorherigen Werks Enjoy Schatz die Feuilletons in Atem hielt – und als „It-Girl“ (Berliner Zeitung) die Timelines ihrer Follower*innen bespielt. Heute sprechen wir über Klassismus. Reisinger trägt ein flauschiges, hellbeiges Kostüm und eine übergroße Intellektuellen-Brille. Oft wird sie zu ihrer Hyperfemininität befragt, doch das Thema Klasse scheint mir ebenso wichtig. 

Zum Gespräch gibt es Blutorangensalat mit hauchdünnen Pecorino-Scheiben, Kapern, Basilikum und Focaccia mit Stracciatella und Mortadella. Ich frage mich: Passt Genuss zu Klassendiskussionen? Ist es nicht scheinheilig, bei solchen Speisen über soziale Ungleichheit zu reden? Doch dann ertappe ich mich: Warum eigentlich nicht? Reisingers Buch Pleasure dreht sich genau darum – Genuss gehört allen, nicht nur den Reichen. 

Reisinger wuchs in einem Gasthof in Oberösterreich auf, in „super prekären“ Verhältnissen. Sie studierte an der Münchener Filmhochschule, finanzierte sich anfangs mit Jobs im Einzelhandel und Kundenservice. Der Weg, von ihrer Kunst zu leben, war lang: „Am Anfang war der Druck crazy, weil man ja eigentlich gar nicht weiß, was man macht.“  

Erste Erfolge kamen mit Theaterstücken und ihrem Debütroman Spitzenreiterinnen. Doch es dauerte, bis sie sich selbst finanzieren konnte. Mit 30 wusste sie nicht, wie sie Miete und Krankenkasse zahlen sollte. Erst mit dem Erfolg von Pleasure änderte sich das. Stolz auf sich zu sein, fällt ihr trotzdem schwer. 

„Lange habe ich verheimlicht, dass ich aus einer armen Familie komme“, sagt sie. Doch irgendwann musste sie es aufschreiben: „Der Klassenwechsel war zu perfide. Es ist so gestört, was da passiert.“ Klassismus, erklärt sie, zeige sich nicht nur in Armut, sondern auch im Unbehagen der Aufgestiegenen, die die Codes für „Ernsthaftigkeit“, „geschmackvoll“ oder „wertvoll“ nicht kennen.

 

Jovana Reisinger Foto © Elena Kasnatschejew

 

In den Kurzessays in Pleasure bricht sie die Regeln des Bildungsbürgertums. Genuss, Schönheit, Sexualität, Mode und Ästhetik erhebt sie zu politischen Kategorien. Ihre Kritik an den Klassismusdebatten: Vergnügen hat keine Priorität – zumindest nicht für „die da unten“. Warum gelten Freibadpommes eigentlich als weniger edel als Austern?

Kritik an ihrem Ansatz hört sie oft. Auf Lesungen fragen entsetzte Besucher*innen: „Das können Sie nicht ernst meinen, dass die wichtigsten Fragen sind, was Sie gegessen, getragen und wie Sie geschlafen haben?“ Doch genau darum gehe es ihr. „Die wollen immer bloß wissen, wie es war, ohne fließend Wasser und Strom aufzuwachsen“, sagt die 35-Jährige. „Meine Beschäftigung mit den schönen Dingen wird als oberflächlich und vulgär abgetan.“

Auf Instagram inszeniert Reisinger sich hyperfeminin – mit Handtaschen voller Strasssteinchen, Stilettos und viel rosa. Ihre Inszenierung eckt an – nicht ganz unbewusst, aber mit der notwendigen Portion Humor. Das ständige Selbstinszenieren der Schriftstellerin und Filmemacherin erinnert an Andy Kassier, der dasselbe Spiel vor einigen Jahren in der bildenden Kunst betrieb. Wie bei Kassier lässt sich Reisingers Selbstinszenierung weder von ihrem künstlerischen Schaffen noch von ihrer realen Persona trennen. Trifft man Reisinger, ist sie genauso, wie sie sich auf Instagram und in ihren Büchern gibt – immer on brand

Das gilt auch für die von ihre angestrebte Auflösung von Hoch- und Subkultur, von Kunst und Unterhaltung. Nur weil etwas als „Trash“ gelte, dürfe man es nicht weniger ernst nehmen. Für gesellschaftliche Veränderung brauche es eine „Unterwanderung der Popkultur“.

Ein Paradebeispiel dafür ist der Schlüsselbegriff aus ihrem jüngsten Buch Pleasure, die „Fotzigkeit“. Mit der Rückaneignung des Schimpfworts widerspricht Reisinger den Erwartungen an eine brave, zurückhaltende Weiblichkeit. Ihre Femininität ist laut, übertrieben und kompromisslos. So weit, so typisch für den zeitgeistigen Feminismus. Doch sie unterwandert nicht nur angepasste Weiblichkeit, sondern auch das Gehabe der Oberschicht. 

Reisinger will Barrieren abbauen, Zugänge schaffen – das scheint die treibende Kraft hinter ihrem Schaffen zu sein. Dafür geht sie auch dorthin, wo ihre Bubble nicht ist. Ihre vieldiskutierte Single-Kolumne platzierte sie ganz bewusst in der FAZ, obwohl sie durchaus Angebote aus ihrem „Kosmos“ hatte. Das Ergebnis: so viele Hassnachrichten, dass die Kommentarspalte geschlossen werden musste. Aber auch Männer, die sich wegen der Kolumne einen Therapieplatz suchten und so ihre Ehen retteten. 

Teilhabe ermöglicht sie auch konkret, indem sie an Orte geht, die ihr und ihrer Clique früher verschlossen blieben. „Ich habe einen anderen Zugang zu Scham“, sagt sie. Wenn jemand sich nicht auf einen Empfang traut, weil er die Etikette nicht kennt, entgegnet sie: „Sowas ist mir doch wurscht.“ Sie beobachtet einfach, wie andere sich verhalten. „Es gibt zu wenige, die einem dabei helfen.“ 

Die Codes der Hochkultur sind das eine, die Coolness auf Szene-Events das andere. „Die geilsten Fotzen bei diesen Events sind immer unsere Gruppe, und wir kommen alle nicht von Geld.“ Doch Coolness dürfe nicht gewollt wirken: „Coolness als Konstrukt muss man hinter sich lassen.“ Man müsse sich auch blamieren dürfen. „Wer keinen Hang zur Selbstironie hat: Ciao!“

 

Foto © Elena Kasnatschejew

 

Man könnte sagen, Reisinger verkörpert literarisch jenen Feminismus à la Ikkimel, der die politische Geste auf die symbolische Abgrenzung nach rechts reduziert – und aus dem Recht auf Genuss und Ambivalenz ein Versprechen macht. In dieser Haltung liegt womöglich nicht bloß politische Apathie, wie viele Kritiker*innen behaupten, sondern ein Reflex, der ebenso sehr aus Erschöpfung wie aus Emanzipation geboren ist. Zugleich folgt sie einer der vorherrschenden Diskursrhetoriken unserer Gegenwart: der Aneignung und Subversion, dem spielerischen Umdrehen bestehender Macht- und Bedeutungsordnungen, das Kritik und Komplizenschaft ununterscheidbar werden lässt. 

Sprach man früher von der Gauche caviar, den Kaviar-Linken, die im Genuss keinen Widerspruch zu ihren sozialistischen Werten sahen, hat der spätkapitalistische Instagram-Zeitgeist die Grenzen zwischen Luxus und linker Moral zu einer Gegenwart verschwimmen lassen, in der sich politisches Bewusstsein zunehmend über Ästhetik ausdrückt.

Unser Treffen endet mit Affogato – Espresso auf Vanilleeis. Was kommt als Nächstes? Sie will sich nicht auf Literatur oder Film festlegen: „Dazu bin ich viel zu geil aufs Leben.“ Später werde ich feststellen, dass das Wort „geil“ 17 Mal in dem Transkript unseres Gesprächs auftaucht. Es passt zu ihr: Mehr ist mehr. Nicht aus Mangel, sondern aus Überfluss. Genuss ist für sie keine Nebensache, sondern Haltung, Kritik und Trotz.

Titelbild: Jovana Reisinger © Elena Kasnatschejew

Instagram: jovana.reisinger