New York malt den Vibe-Shift

Alles so schön vibey hier. Jonathan Guggenberger wundert sich über die Neosurrealismuswelle, die er in New York City beobachtet: Warum flüchten sich alle in den Eskapismus einer vergangenen Fantasie? Lesezeit: 15 Minuten

Als ich Ende November jahresmüde durch die Galerien, Museen und Auktionshäuser Manhattans streifte, fragte ich mich: Was soll eigentlich diese plötzliche Rückkehr zu Surrealismus und abstraktem Expressionismus, zwei historischen Avantgarde-Bewegungen, die zwar nie wirklich weg, aber sicher nicht der Inbegriff von Gegenwartskunst waren? Dann erinnerte ich mich, dass ich in den USA bin und da gerade Vibe Shift angesagt ist. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Follow me around

Zur Erinnerung: Der Vibe Shift beschreibt die autoritäre Wende der US-amerikanischen Gesellschaft. Die begann irgendwann zwischen den Nazi-Fackelmärschen von Charlottesville 2017, den Capitol-Hill-Protesten am 6. Januar 2021 und Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus Anfang 2025. Seit neustem geht der Vibe Shift allerdings auch in die andere Richtung, nach links. Der Grund dafür: New York im November, genauer gesagt, die Wahl des demokratischen Sozialisten Zohran Mamdani – Trumps populistischen Widersachers – zum neuen Bürgermeister der Metropole.

Mamdanis Wahl fand am 4. November statt. Und New Yorks Kunstszene, die seit Trumps zweiter Amtszeit in eine Angststarre verfallen war, explodierte trotz Herbstblues auf einmal wieder in Ekstase. Was ich, der von Mamdanis Sieg nicht ganz so berührt war, dabei beobachten konnte, war, dass der Vibe Shift, egal ob von rechts oder links, vor allem eines ist: ein Gefühl. 

Klar, was Vibe heißt, kann keine abstrakte Analyse und keine konkrete Gesellschaftskritik sein – „It feels like Fascism!“, hörte ich New Yorker Freunde andauernd sagen. Aber was für ein Gefühl ist der Vibe Shift genau? Ein Faschismusgefühl? Nein, so etwas gibt es nicht. Es ist ein Gefühl der Überforderung. Wovon? Der chaotischen Politik, der beschissenen Wirtschaft und dem Höllentor Internet. Kurzum, von der Gegenwart, in der wir gezwungen sind, zu leben. 

An dieser Stelle kommt der andere Shift ins Spiel, der der Kunst und ihrer Institutionen. Der geht nämlich so: Weg von dem politisch eindeutigen Protestbewegungskitsch, den wir die letzte Dekade über auf Documentas und Biennalen gesehen haben, und hin zu kryptischem Surrealismus und abstraktem Expressionismus, den Wagenburgen schöner Ambivalenz. Man könnte auch sagen, dieser Wandel ist eskapistisch. Zum besseren Verständnis nenne ich ihn ab jetzt Vibe Art Shift, die Verschiebung hin zur Vibe Art. Und in New York zeigte sich der wie folgt.

Peter Saul, Saigon, 1967. Installationsansicht Sixties Surreal (Whitney Museum of American Art, New York). Foto © Matthew Carasella

Das Whitney Museum of American Art beispielsweise, diese Schaltzentrale des globalamerikanischen Geschmacks, erinnerte in seiner Sammlungsshow Sixties Surreal an die erste Wiederentdeckung des Surrealismus in den 1960ern, der Counter-Culture-Vietnamkriegs-Epoche. Wie nützlich! Das Museum glich also einem historischen Stillexikon, in dem die Macher des gegenwärtigen Vibe Art Shift zur Inspiration herumblättern konnten und mit insgesamt 111 ausgestellten Künstlerinnen und Künstlern auch einiges zu studieren fanden.

Abgeschlossen wurde der Ausstellungsrundgang mit einem Raum, der sich den radikalpolitischen Spielformen des 60er-Jahre-Surrealismus widmete. Mit den vulgären Materialschlachten von Edward Kienholz – seinen satirischen Suburbia-Horror-Interieurs – und Melvin Edwards’ Cotton Hangup, einem abstrakten Stahlrelief, das, amalgamiert aus Ketten und Peitschen, an rassistische Lynchmorde und die Sklaverei-Vergangenheit der USA erinnerte. Eine Lesart rückte die Kuration mit diesem Raum besonders in den Fokus: Dass sich das, was wir im Surrealismus der 1960er an absurder politischer Realität vorgeführt bekommen, gerade live vor unseren Augen wiederholt. In einer amerikanischen Gegenwart, die durch populistische Medienpolitik, Großkotzrhetorik und tagtägliche Abschiebe-Paranoia – also durch die schrill verstimmte Vibe-Shift-Klaviatur – unerträglich, ja, unfassbar geworden ist. 

Womit wir bei der schlichten Gleichung angekommen sind, um die sich dieser Text hier dreht: Surrealismus ist die Kunst, die entsteht, wenn sich Künstlerinnen und Künstler von ihrer entgleisenden Gegenwart überfordert fühlen. Historisch betrachtet ist diese Analogie gar nicht so falsch. Klar, der Surrealismus, angeregt von André Bretons 1924 verfasstem Ersten Surrealistischen Manifest, war ein Phänomen des Umbruchs. Konkret: des gewaltigen Epochen-Drifts der Moderne, der Weltwirtschaftskrise, des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts. Auch, so könnte man argumentieren, entstanden einige seiner ikonischsten Werke aus einem Gefühl der Überforderung. Schließlich litten die meisten seiner Protagonistinnen und Protagonisten, etwa Meret Oppenheim, Luis Buñuel oder Max Ernst, als Juden, Antifaschisten oder sogenannte „entartete Künstler“ unter Verfolgung. Ihre künstlerische Neigung zum Surrealen – zu Traumwelten, freien Assoziationen, dem Unbewussten – könnte man so als Antwort auf den Schock interpretieren, den ihre katastrophale Gegenwart damals in ihnen ausgelöst haben mag. 

Luchita Hurtado, Untitled, 1971. © The Estate of Luchita Hurtado. Courtesy The Estate of Luchita Hurtado and Hauser & Wirth. Foto © Jeff McLane

Andererseits, und das schwächt das Überforderungsargument, war der Surrealismus eine modernisierende Avantgarde-Bewegung. Per Definition bedeutete das, dass er in bis dato künstlerisch unerschlossene Bereiche vorstoßen wollte. So auch in die der Psyche. Nimmt man dem Surrealismus genau diesen Neuheitsaspekt – und ich behaupte Sixties Surreal tut das in seinem Gegenwartswahn – wird er zu jener visuellen Floskel, die mir in New York überall begegnete. 

Zum Beispiel bei der vornehmen Blue-Chip-Galerie PACE. Dort stellte Anfang November der deutsche Künstler Friedrich Kunath seine hyperrealistische Meme-Malerei aus – eine witzige Californication von René Magritte. Genauso bei David Zwirner, einem weiteren Galeriegiganten, der im Herbst zum ersten Mal Sasha Gordon ausstellte, eine junge Malerin, in deren Show ich dann genau jenes surrealistische Klischeebild fand, um das es mir hier geht. Auf dem Gemälde – es trägt den Titel It was still far away – sitzt eine Frau im Park, entspannt hört sie Musik, zupft sich unbekümmert am Zeh, während hinter ihr ein pinkroter Atompilz aufsteigt. Eine Überspitzung der Realität – wie surreal! –, die nicht mehr zum Ausdruck bringt als das, was man in New York sowieso an allen Ecken hört: „Crazy times we’re living in, huh?“ – „Yeah, fascist times!“

Sasha Gordon, It Was Still Far Away, 2024. © Sasha Gordon. Courtesy the artist and David Zwirner, New York

Bezeichnend ist, dass dieses Surrealismus-Klischee gerade bei der Upper Class des Kunstbetriebs so gut ankommt. Warum? Es ist das Spiegelbild ihres Gegenwartsgefühls, der Überforderung. Crazy times, huh?! Gleichzeitig macht es ihnen diesen Gegenwartsgrusel als visuellen Fetisch konsumierbar. Ein ambivalenter Genuss, rechnet man mit ein, dass so ein Fetisch immer auch Ablenkung bedeutet. Zum Beispiel davon, dass man als Mensch mit viel Geld – als PACE- oder Zwirner-Käufer – ziemlich viel Verantwortung für den obszönen Zustand der Gesellschaft hätte, vor der man sich dank der surrealistischen Vibe Art an der Wand so schön gruseln kann. Was mich zur nächsten Eigenschaft des Vibe Art Shift bringt: Das Phänomen ist fast ausschließlich eines der Malerei. Und die verkauft sich bekanntlich am leichtesten.

Dazu passt, dass das Museum of Modern Art – noch so ein kunstinstitutioneller Influencer – im November eine umfangreiche Retrospektive des kubanischen, tatsächlich grandiosen Surrealisten Wifredo Lam zeigte. Auch das Auktionshaus Sotheby’s verstand die Zeichen der Zeit und zog kurz darauf nach. In ihrer frisch eröffneten New-York-Dependance – dem phänomenal brutalistischen Breuer Building – widmeten sie Lam eine eigene Sonderausstellung. Aber nicht nur das. Unter dem Titel Exquisite Corpus versammelte Sotheby’s in ihrer Herbstauktions-Preview gleich auch alle anderen Stars des historischen Surrealismus – Leonora Carrington, Hans Bellmer, René Magritte. Was das bedeutet? Der Kunstmarkt ist bereit für das Surrealismus-Revival. Das Überforderungsgefühl lässt sich vermarkten. Der surrealistische Vibe Art Shift ist nicht die subversive Antwort auf die Trump-Gegenwart, sondern ihr plumper, kunstbetrieblicher Ausdruck.

Aber halt! Was ist denn mit dem abstrakten Expressionismus, der anderen New Yorker Stil-Renaissance? Mit dem verhält es sich leider ähnlich wie mit dem Surrealismus. Der abstrakte Expressionismus und seine saufenden Macho-Protagonisten – die All-American-Evergreens Jackson Pollock und Willem de Kooning – fielen in ihrer kunsthistorischen Entwicklung genauso mit dem schwer zu begreifenden Grauen von Weltkrieg, Völkermord und Exil zusammen. Nur etwas später als der Surrealismus, Ende der 1940er Jahre. Und genau deshalb könnte man jetzt wieder annehmen, dass sich auch in der Artefakt-Malerei des abstrakten Expressionismus – seinen rohen Gesten – ein historisches Gefühl von Überforderung ausdrückt: ein Abwenden von der unerträglich gewordenen Realität, also den ideologischen Realismen von Nazis und Sowjets, in die wirre Abstraktion. Allerdings wäre auch diese Vorstellung nur ein Klischeebild, das der Gegenwart und ihrem Bedürfnis nach humpelnden historischen Vergleichen entspräche. Schade also, dass ich genau dieses Klischee als Gegenwartskunst verpackt in New Yorker Ausstellungen wiederfand.

Jay Payton, Jhator „Giving Alms to the Birds“ (quadriptych), 2025. Foto © Jason Loebs. Courtesy of the artist and 15Orient, New York

So bei der Solo-Show des Malers Jay Payton, The Cruel and Violent Nature of Domesticated Homo Sapiens, in der angesagten Galerie 15Orient. Alles dort sah nach historischem Reenactment aus. Die Bilder hingen an unverputzten Wänden, materialroh, farbexplosiv, existentiell, als hätte sie ein depressiver Vietnamkriegsveteran irgendwo im Hinterland gemalt. Auf einer Reliefmalerei, die mir besonders negativ auffiel, hatte Payton vergilbte Zeitungsausschnitte und alte Computerhardware grob auf die Leinwand montiert, was den vagen Eindruck erweckte, dass es sich hier um Spuren einer großen Verschwörung, also etwas Bedeutungsvollem, handele. Folgte man den Assoziationen aber, führten die nirgendwo anders hin als zurück ins psychotische Hirn des von mir imaginierten Vietnamkriegsveteranen, einer historischen, keiner zeitgenössischen Figur.

Genauso der Ausstellungsraum selbst. Seine löchrig-ungeschliffenen Dielen, sein Umbauzustand, die Heroin-Chic-Atmosphäre – alles daran schrie „Fetisch“. Und der spielte mit der Fantasie, man stünde in einem dieser billigen Lower-Manhattan-Studios, die es damals, zu Pollocks Zeiten, noch gegeben hatte und die heute so teuer sind wie ein feuchter Immobilienmaklertraum. Kein Wunder also, dass bei 15Orient plötzlich Jerry Saltz aufkreuzte – der ewigjunge Dinosaurier der Kunstkritik – und sich über die wiederbelebte Kulisse seiner eigenen 60er-Jahre-Jugend freute.

Überhaupt ist Jerry Saltz ein Katalysator des Vibe Art Shift. Wenige Tage vor der 15Orient-Eröffnung hatte er noch Sasha Gordons Neo-Surrealismus-Ausstellung bei David Zwirner für den New Yorker rezensiert. Begeistert schrieb er: „Diese Ausstellung ist keine für den Markt herausgeputzte Identitätspolitik mehr, kein weiteres Virtue Signaling. Dafür sind diese Leinwände viel zu rätselhaft und schwer zu fassen.“ Warum Kritiker Saltz und seine Leserschaft – die liberale Upper Class – diese neue Rätselkunst so großartig finden? Sie entspricht ihrem orientierungslosen Gegenwartsempfinden, ohne mit dem Zeigefinger auf dessen gesellschaftliche Realität zu deuten. Symptomatisch für diesen Wunsch nach Unkonkretem steht der Titel der jüngsten Ausstellung bei David Zwirner: to define a feeling. Gezeigt wird der 60er-Jahre-Expressionismus von Malerin Joan Mitchell.

Warum Galeristen, Käufer und Kritiker beim Vibe Art Shift mitmachen, wäre damit also erklärt. Aber was ist mit den jungen Künstlern? Warum die? Ein letztes Beispiel: Grace Rosario Perkins im Erdgeschoss des Whitney Museums. In ihrer Einzelausstellung Circles, Spokes, Zigzags, Rivers zeigte sie große, mit Blumenformen zugesprayte Leinwände, die in ihren wilden Gesten und dem bombastischen Farb-Mix wieder an den Abstrakten Expressionismus erinnerten. Gleichzeitig versteckten sich in diesem Wirrwarr aufgeklebte Polaroids, Schreibmaschinentexte und zerfledderte Werbebanner. Items, die man nicht dechiffrieren kann, die aber Perkins’ abstrakt-expressionistischen Stil unterlaufen und einen mysteriösen Subtext andeuten. Zu einem kohärenten Bild verdichtet sich dieser allerdings nie. Er bleibt ein Rätsel. Die getriggerte Geheimbotschaft in Perkins’ Bildern: eine Suggestion. Diese Malerei will nur eins sein: Vibe-Malerei. Verführung. Aber nochmal: warum?

Grace Rosario Perkins, Lets Go Back To That Magic Place That Only You and I Have Seen (Illuminations), 2023. © Grace Rosario Perkins. Courtesy the artist and Bockley Gallery

Am Flughafen, kurz bevor ich New York verließ: Mein Tiktok-Algorithmus spülte mir ein Video auf die For-You-Page. Darin ein nervöser Marketing-Experte, der mir erklärte, dass die Gen-Z – seine Zielgruppe – nicht mehr auf das aufwendige Storytelling der vergangenen Werbe-Jahre anspreche. Auch das Vermarkten mit falschen politischen Botschaften sei vorbei. Was Werber jetzt bräuchten? Der Marketing-Experte: „The vibe!“ Angesagt seien nun Moodboards und superkurze Videos, die Pop-Referenzen, Farben und Eindrücke so stark und mit Understatement verdichteten, dass dabei ein ganz bestimmtes Gefühl für die beworbene Marke entstünde. Welches Gefühl? „This feeling of being riddled, so your audience wants to know more about your brand.“ 

Und ist das nicht das gleiche, was die Vibe Art, was junge Künstler*innen mit ihr wollen? Ein Gegenwartsbedürfnis in Marktmacht verwandeln? Ich sage: Ja. Die Vibe Art ist ein künstlerisches Vermarktungsklischee. Denn was ihr fehlt, um mehr zu sein – gute Gegenwartskunst nämlich –, ist das, was sie vom originalen Surrealismus und vom frühen abstrakten Expressionismus unterscheidet: das durchschlagend Neue.

Wer jetzt allerdings im bequemen Berlin sitzt und denkt, das sei typisch amerikanisch, typisch New York, typisch Trump-Ära, dem kann ich nur empfehlen, sich zuhause nochmal genauer umzusehen: Issy Woods magische Bilder im Schinkel Pavillon, Trey Abdellas fabelhaft weihnachtliche Americana-Assemblagen bei Kraupa-Tuskany Zeidler oder das Surrealisten-Netzwerk in der Neuen Nationalgalerie. Auch Berlin will die Vibe Art. Hoffen wir, dass uns wenigstens die gesellschaftliche Wende, für die sie steht, erspart bleibt.

Titelbild: Sasha Gordon, It Was Still Far Away, 2024, Installationsansicht. © Sasha Gordon. Courtesy the artist and David Zwirner, New York.