Das Museum Ostwall im Dortmunder U verbindet Kunst und Alltag. Es will bilden, ohne zu belehren, ohne die gezeigte Kunst durch beengende Erklärungen zu beschneiden. Und welches Thema böte sich mehr für einen Bildungsauftrag bei gleichzeitig dichter künstlerischer Auseinandersetzung an als „Müll“? Denn über Müll möchte eigentlich niemand gerne nachdenken. Weder über die hunderte Kilo Hausmüll, den jede*r Deutsche jährlich fabriziert. Noch über Giftmüll, Atommüll, verschmutzte Flüsse, Mikroplastik in Fischen oder gar im eigenen Hirn. Wie also stellt man es an?
César Baldacchini, ohne Titel, 1959, lackierte Autoblechteile, Sammlung Museum Ostwall im Dortmunder U © César Baldacchini. Foto: Jürgen Spiler
Die Ausstellung beginnt ruhig, leitet durch Kunst aus den 60er bis 80er Jahren: eine Skulptur aus alten Autoblechen von César Baldaccini, Fotos von Allan Kaprows Happening Transfer (for Christo) aus dem Jahr 1971, das Künstlerbuch Nur dumme Fische sterben in schmutzigen Flüssen (1974) von H. R. Decker. Die Ausstellung gewinnt dann an Tempo, es tut sich das erste monumentale Werk auf, eine raumgreifende Installation von Kader Attia: Man geht durch eine Art Gasse, links und rechts Fassaden aus heruntergelassenen Ladenrollos. Darüber ein Gitter, auf dem wie herabgeworfen Hausrat, alte Kabel und andere Dinge liegen – Los de Ariba y los de Abajo (2015), die von Oben und die von Unten. Die Installation bezieht sich auf eine Situation im Westjordanland, in der israelische Siedler*innen ihre Abfälle auf die sich räumlich unter ihnen befindende palästinensische Bevölkerung warfen, weswegen letztere ihre Wege mit Gittern gegen die herabfallenden Gegenstände schützten.
Kader Attia, Los de Arriba y Los de Abajo, 2015 Metallkonstruktion, Rollladen, Metallzäune, Müll © Kader Attia. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers sowie Galerie Nagel Draxler Berlin/Köln/Meseberg
Das darin implizierte Machtgefälle ist nicht auf diesen Ort beschränkt zu verstehen. Müll, das wird in der gesamten Ausstellung deutlich – ist überall auf der Welt vor allem eine Frage von Macht. Er macht hierarchische Gefälle sichtbar und verschleiert zugleich vielerorts globale Gewaltstrukturen. Die künstlerischen Arbeiten verstehen das auf so beeindruckende Weise zu vermitteln, dass die zusätzlichen Erklärungsangebote manchmal fast überflüssig wirken.
Die Arbeit Brown Goods (2020) von Karimah Ashadu etwa folgt Emeka, der gefährliche Wege aus Nigeria über Lybien und Lampedusa auf sich nahm, um für ein besseres Leben nach Deutschland zu kommen. Wie viele Migrant*innen aus Westafrika hat er aufgrund seines Aufenthaltsstatus keine Arbeitsgenehmigung und geht einer inoffiziellen Beschäftigung nach: Er handelt in Hamburg mit ausrangierten elektronischen Geräten. „Brown goods“ nennt man im Englischen umgangssprachlich Unterhaltungselektronik wie Fernseher oder Computer. Kühlschränke oder Trockner gelten als „white goods“. Abnehmer*innen des deutschen Elektroschrotts sind ausgerechnet Händler*innen in der nigerianischen Hauptstadt Abuja. Die zu Müll erklärten Güter beginnen dort, dank der Hände nigerianischer Arbeiter wie Emeka, ein zweites Leben. Der absurde Kreislauf dieser doppelten Abwertungssystematik wird in größter, poetisch schneidender Klarheit offenbar.
Karimah Ashadu, Brown Goods (Filmstill), 2020 © Karimah Ashadu and Sadie Coles HQ, London.
In Between the Waves (2012) von Tejal Shah tanzen Personen in Insektenkostümen, die an Kakerlaken erinnern, über eine riesige Müllhalde. Protagonist*innen in Einhornkostümen aus Müll lassen auf Balkonen, in Steppen und unter Wasser die Grenzen zwischen Ding, Natur und Mensch verschwimmen. Die geradezu märchenhafte Ästhetik der Videoarbeit ist von einer spielerisch-radikalen Queerness durchdrungen und löst die harsche Selbstverständlichkeit der scheinbar allgültigen Binaritäten durch Tauchen, Berührungen, Sex auf.
Die Ausstellung hält, was sie verspricht: Im Museum Ostwall erwächst anhand des vertraut-lästigen Übels „Müll“ auf faszinierende Weise eine dringliche wie intime Befragung unseres Selbstverständnisses inmitten unserer Reste.
Tejal Shah, Between the Waves (Filmstill), 2012 © Tejal Shah und Project 88

