Als Luis Bortt und die Brüder Maximilian und Leopold Schaefer nach Berlin zogen, stellten sie schnell fest, dass die Verbindungen zwischen Kunststudierenden und Gesellschaft ganz schön schwer zu knüpfen sind. Also gründeten sie 2020 kurzerhand ihre eigene Plattform KUNZTEN, um junge künstlerische Positionen bei Studiobesuchen zu entdecken und vorzustellen. Was als ein Online-Magazin begann, mündete schnell in eigenen, eklektischen Gruppenausstellungen. Nun eröffnete ihre fünfte Schau unter dem Titel ECHOES in den Räumen des Berliner Flutgraben e.V.
Felix Giesen, Für Verdienste, 2026, Öl, Collage & UV-Druck auf Leinen, 200 x 180 cm
Crisp: Hier ist ja einiges los auf dem Bild. Was sehen wir da und wie hast du Felix Giesen entdeckt?
Luis: Felix Giesen studiert an der Kunstakademie Düsseldorf. Auf ihn aufmerksam wurden wir durch sein Triptychon Kreuzabnahme Deutschlands, das er für die dortige Jahresausstellung entwickelte. Die in der Ausstellung gezeigte Arbeit Für Verdienste verbindet digitale Bildproduktion mit malerischen Verfahren. Giesen „füttert“ zuerst selbstgebaute KI-Modelle mit Fotos von Studentenverbindungen, die er beispielsweise beim Burschentag in Eisenach gemacht hat. Es geht ihm dabei vor allem um die Inszenierung von Männlichkeit durch Uniformität oder bestimmte Riten. Diese Bilder überträgt Giesen mit verschiedenen Drucktechniken auf Leinwand, teilweise mehrfach übergeschichtet und malerisch bearbeitet. Durch Lacke, Druckschichten, malerische Eingriffe oder sichtbare Oberflächen entsteht etwas, das zwischen digitalem Rendering und klassischer Malerei changiert.
Rebekka Benzenberg, Driving blind, 2024 Ruß auf Leinwand, 170 x 120 cm, Courtesy: die Künstlerin und MARTINETZ, Köln
Crisp: Die Arbeit von Rebekka wiederum entsteht komplett anders, oder?
Luis: Genau, die Leinwand wurde von der Rückseite mit einem Feuerzeug bearbeitet. Der charakteristische Duktus ergibt sich durch den Ruß, der sich in der Leinwand festsetzt. Rebekka Benzenbergs Arbeit Driving blind ist einer Aktstudie von Rubens nachempfunden, bei der Rubens drei „Grazien“ malte – ein Motiv, das in vielen seiner Bilder vorkam. Benzenberg interessiert dabei weniger die kunsthistorische Vorlage als die Art ihrer Darstellung: Rubens zeigt hierbei keine drei individuellen Frauen, sondern drei Idealbilder von Frauen. Die Figuren erscheinen nicht als eigenständige Subjekte, sondern als Projektionsflächen eines männlichen Blicks (Male Gaze). Mit ihrer Arbeit greift Benzenberg diese Tradition der Objektivierung weiblicher Körper auf und lädt dazu ein, sie aus einer zeitgenössischen Perspektive neu zu betrachten.
Minu Park, Yellow Cyborg III, 2025, Edelstahl, Glas, 3D-gedruckter Kunststoff, flüssiges Latex, Wechselstrom-/Gleichstrommotoren, Schläuche, 165 x 160 x 55 cm
Crisp: Auch Minu Parks Werk arbeitet mit dem Körperlichen, oder wie würdest du diese kleinen Roboter beschreiben? Wie seid ihr denn eigentlich darauf gekommen?
Luis: Entdeckt haben wir Minu Park beim Rundgang der Universität der Künste in Berlin. Wir waren sofort von ihren Cyborgs fasziniert – besonders von Yellow Cyborg III, der nun Teil der Ausstellung ist. Das Werk kreist um die ambivalente Beziehung der Künstlerin zu ihrer Mutter, die von Liebe, Distanz und Schuldgefühlen geprägt ist. Die Hülle des Cyborgs besteht aus getrocknetem Latex, den Minu Park wie eine Art Tattoo bemalte und zu ihrer Mutter nach Südkorea verschickte, wo diese ihn von Hand nachstickte. So verbindet das Werk digitale Bildwelten mit traditionellen Handwerkstechniken und macht zugleich familiäre Zusammenarbeit zu einem Teil des künstlerischen Prozesses. Für uns war schnell klar, dass wir diese Arbeit unbedingt in der Ausstellung zeigen wollten.
Neda Aydin, Die Luft denen, die sie atmen (für Afsar), 2022, Stahl, Ton, Module für Dach, Boden, Wand, Größe variabel
Crisp: Und was stellt Neda da auf diese Regale? Gehören die eigentlich zur Arbeit dazu?
Luis: Neda Aydin arbeitet seit vielen Jahren modular und bringt dabei auch verschiedene Werkserien zusammen. So auch in unserer Ausstellung, ihre Arbeit besteht aus Keramiken und einer Gitterstruktur. Damit verweist Aydin auf verworrene Machtstrukturen; die weich und taktil anmutenden Keramiken jedoch erzeugen im Wechselspiel ein Spannungsverhältnis, das in der Fragilität des Objekts ihren Höhepunkt erhält. Aydins Arbeit wandelt zumeist zwischen Zugehörigkeit und Ausschluss und entlarvt dabei starre gesellschaftliche Normen.
Luana Cloșcă, Veil (Likeness and Presence), 2026, Öl auf Polyester, 120 x 140 cm
Crisp: Siehst du Artverwandtschaften in Luanas Werk und den anderen Positionen, die ihr zeigt?
Luis: Luana Cloșcă ist eine junge rumänische Künstlerin, die an der Universität der Künste studiert. Sie arbeitet in intensiven Werkserien, die sie lange beschäftigen. Ihre neueste Serie greift das Vera Icon, das „wahre Bild“ und die Geschichte des Schweißtuchs der Veronica auf, das dem Mythos zufolge Christus’ Antlitz aufnahm und in der Folge die Ikonenmalerei oder gar jegliche bildhafte Wiedergabe nach der Natur „legitimierte“. Hier wird thematisch also etwas verhandelt, was sich durch die ganze Ausstellung zieht, etwa bei Rebekka Benzenberg, Murat Önen oder Irving Ramó: Wie wirken Bilder über Jahrhunderte hinweg nach? Die Arbeiten zeigen, dass Bilder nicht verschwinden, sondern weiterwirken. Sie verändern durchaus ihre Form, werden neu gelesen und prägen bis heute unseren Blick auf die Welt.
Crisp: Die Arbeiten von Jonas sind ja oft auch sehr politisch lesbar. Ist dir das als Kurator wichtig? Dass sich Künstlerinnen auch abseits der Ästhetik positionieren?
Luis: Natürlich spielt die politische Dimension in Jonas Höschls Arbeiten eine wichtige Rolle. Uns hat aber vor allem interessiert, wie er politische Fragen über Bilder und ihre Medialität verhandelt. Er setzt sich mit der Entstehung, Zirkulation und Wirkung von Bildern auseinander. Genau diese Schnittstelle war für unsere Ausstellung spannend. Wir zeigen eine Videoarbeit von ihm: Why are you crying, von 2024. Ausgangspunkt der Arbeit ist Gloria von Thurn und Taxis, die in derselben Stadt lebt, in der Höschl aufgewachsen ist. Sie war lange als „Punk-Prinzessin“ bekannt. 2005 kam es dann allerdings zu einer Auktion, bei der sie 135 Werke ihrer Sammlung versteigern ließ, darunter Why are you crying des US-amerikanischen Künstlers Richard Prince. Hier geht es also auch wieder um die Rolle von Bildern, wie sie fortleben, was sie transportieren und vermitteln, welche Geschichte einem Medium eingeschrieben ist und wie das die Lesart eines Bildes beeinflusst.
Irving Ramó, Step On Me Harder, 2026, Oil on canvas, 230 x 200 cm
Crisp: Hier bei Irving wird es ja sehr sinnlich. Wie findet ihr eigentlich diese ganzen verschiedenen Künstler*innen?
Luis: Tatsächlich auf ganz unterschiedlichen Wegen. Wir besuchen Rundgänge an Kunsthochschulen, gehen auf Ausstellungseröffnungen, recherchieren viel und tauschen uns mit Künstler*innen, Kurator*innen und Galerien aus. Irving Ramó haben wir beispielsweise über seine Ausstellungsprojekte in Berlin kennengelernt.
Irving stammt aus Quito, Ecuador, lebt aber seit ein paar Jahren in Berlin. In seiner Malerei verhandelt er Werke der Alten Meister wie etwa Diego Velázquez und deren Herrscherportraits, die (männliche) Macht repräsentieren sollten. Dabei schafft er verschiedene Elemente, die mit diesen Abbildern von patriarchaler Männlichkeit brechen. Ebenso dekonstruiert er die kolonialen Machtverhältnisse, die immer auch den Werken inhärent sind. Körper kommen zusammen, lösen sich auf, anthropomorphe Figuren entstehen und fixe Identitäten lösen sich auf. So entstehen vielschichtige Arbeiten, die sich zwischen Männlichkeit, Sexualität und Verletzlichkeit bewegen.
Murat Önen, Painter II, 2025, Öl auf Leinen, 90 x 100 cm, 2025, Foto: Simon Vogel
Crisp: Wenn wir abschließend auf die Arbeit von Murat Önen schauen, lässt sich der Titel ECHOES schon gut nachvollziehen. Was hat euch als Kuratoren an dieser Arbeit gereizt? Und was bedeutet der Titel ECHOES für die Ausstellung insgesamt?
Luis: Im Kern geht es uns in der Ausstellung um die „bildhaften“ Echos der Kultur- und Bildgeschichte, also darum, welche Bilder unsere Vorstellungen von Welt und Gesellschaft prägen. Die Künstler*innen der Ausstellung hinterfragen diese alltäglich gewordenen Sehgewohnheiten, spielen mit „kollektiven“ Bildern und entlarven hierarchische Blickregime in der Kunstgeschichte. Murat Önen bringt diese Idee auf ganz besondere Weise auf den Punkt. Seine Ölgemälde beziehen sich beispielsweise auf Cézanne oder andere Vorgänger der Kunstgeschichte. Diese kunsthistorischen Echos verbindet Önen mit autobiografischen Erinnerungen, Traumwelten und persönlichen Erfahrungen zu einer Bildsprache, in der Vergangenheit und Gegenwart miteinander in Dialog treten.
Crisp: Was wünschst du dir, dass von ECHOES nachhallt?
Luis: Vielleicht genau das: dass die Ausstellung noch ein Echo hinterlässt. Dass man bekannte, alltägliche Bilder, Motive und Erzählungen danach mit anderen Augen betrachtet.