Was ist dein Beruf?
Ich bin Kuratorin am MINSK Kunsthaus in Potsdam. Derzeit arbeite ich an einer umfassenden Retrospektive, die sich dem künstlerischen Schaffen von Annemirl Bauer widmet.
Wieso arbeitest du in der „Kunstwelt“?
Ich habe Kunstgeschichte studiert, weil ich nicht nur von der Kunst selbst fasziniert bin, sondern vor allem von den Menschen, die sie geschaffen haben. Mein Hauptanliegen war und ist es, eng mit den Künstlerinnen und Künstlern zusammenzuarbeiten, von ihnen zu lernen – das Kuratieren als kollektive Arbeit, als ein Miteinander zu verstehen. Es sind aber auch all die Menschen, die im Kunstbetrieb arbeiten und tagtäglich die verrücktesten Dinge – quasi das Unmögliche – möglich machen, die mich beeindrucken und für mich eine große Inspiration und Motivation darstellen.
Der Wunsch, Kuratorin zu werden, entstand darüber hinaus aus dem Bedürfnis, Künstler:innen und ihre Geschichten sichtbar zu machen und Räume zu schaffen, in denen unterschiedliche Perspektiven, Menschen und Bedürfnisse miteinander in Dialog treten können. Ich verstehe Kunst als einen demokratischen Raum, in dem Selbstbestimmung, Austausch und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen gelebt werden. Kunst eröffnet die Möglichkeit, anderen Menschen unvoreingenommen zuzuhören, eigene Sichtweisen zu hinterfragen und neue Formen des Verstehens zu entwickeln.
Wofür braucht die Gesellschaft die Kunst?
Wir müssen lernen, einander zuzuhören und Fragen zu stellen. Wir müssen lernen, Konflikte auszuhalten und Diskrepanzen in etwas Positives, etwas Produktives umzuwandeln. Wir sind dabei, Zwischenmenschlichkeit – Fürsorge, Anteilnahme, Abwesenheit, Schönheit, Gesellschaft – zu verlernen und einander nicht mehr mit Respekt, Liebe und Offenheit zu begegnen. Kunst kann uns daran erinnern. Sie schafft Räume für Begegnung, den Akt des Betrachtens, für Reflexion und Dialog. Sie fordert heraus, irritiert und bewegt, manchmal kann sie sogar schmerzhaft sein. Sie darf aber auch einfach schön sein und uns berühren! Gerade darin liegt ihre gesellschaftliche Relevanz.
Sollte Kunst politisch sein?
Kunst muss nicht ausdrücklich politisch sein, um gesellschaftlich wirksam zu werden. Kunst wird politisch, sobald sie uns dazu bringt, einander zu begegnen, einander zuzuhören, zu fühlen oder aufeinander zuzugehen.
Mit welchen 3 Persönlichkeiten (tot oder lebend, real oder fiktiv) würdest du gerne zu Abend essen?
Bell Hooks, Annemirl Bauer, Bärbel Bohley
Von welchem Kunstwerk warst du das letzte Mal ergriffen?
Voir la mer (2011) von Sophie Calle; 450XL: THE STORY OF A FUGITIVE SOUND (2026) von Lawrence Abu Hamdan; eine kleinformatige Zeichnung von Annemirl Bauer mit dem Titel Bruch ist in der Welt… aus dem Jahr 1989.
Welche Ausstellung fandest du zuletzt sehr gut?
Zutiefst beeindruckend fand ich den Deutschen Pavillon der diesjährigen Venedig Biennale mit Werken von Sung Tieu und Henrike Naumann, kuratiert von Kathleen Reinhardt. Die derzeitige Einzelausstellung von Sophie Calle im Louisiana hat mich nachhaltig beschäftigt. Die umfangreiche Einzelausstellung von Gabriele Stötzer im Gropius Bau ist ebenfalls von absoluter Relevanz und sehr beeindruckend.
Wie erlebst du Neid/Konkurrenz in der Kunstszene?
Ich habe den Eindruck, dass Neid und Konkurrenz in der Kunstszene noch immer zu viel Raum einnehmen. Das ist nicht nur unnötig, sondern häufig auch unproduktiv. Anstatt voneinander zu lernen, Ressourcen zu teilen oder gemeinsame Perspektiven zu entwickeln, werden Energien in Abgrenzung investiert. Dabei stehen wir alle vor ähnlichen Herausforderungen.
Ohne wen wärst du nicht da wo du bist?
Ohne die Künstlerinnen und Künstler wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin! Aber auch die Chance, das EIGEN + ART Lab für drei Jahre leiten zu können, war für mich in meiner beruflichen Laufbahn sehr prägend. Der Austausch mit Menschen, die mir nahestehen, spielt für mich auch eine zentrale Rolle. Dabei sind Gespräche mit Personen innerhalb und außerhalb der Kunstszene sehr wertvoll. Sie helfen mir, einen Schritt zurückzutreten, die eigene Arbeit kritisch zu hinterfragen und die Perspektive zu wechseln. Diese Form der Reflexion ist wichtig, um den eigenen Weg immer wieder neu zu überprüfen und nicht in den Dynamiken der Kunstwelt allein aufzugehen.
Zu welcher Tageszeit kannst du am besten arbeiten?
Von ca. 5 bis 9 Uhr morgens. Oder zwischen 20 und 24 Uhr – dann, wenn mein Kind schläft und mich nicht mit seiner unbändigen Neugier im positivsten Sinne ablenkt.
Welchen Beruf hättest du in einem anderen Leben gerne ausgeübt?
Meeresbiologie fasziniert mich. Ich hätte aber auch gerne eine True-Crime-Serie entwickelt.
Was hast du in letzter Zeit neu gelernt?
Gemachte Pläne pro Tag mindestens viermal umzuwerfen, Prinzipien und Strukturen über Bord zu werfen und zu merken, dass wir trotzdem erschreckend gut durch den Tag kommen. Die Welt bunter und fantasievoller zu sehen.
Institution oder Galerie?
Ganz klar: beides!

